Internationaler Tag des Glücks : Konzept Grinsen: Warum das Glück nur noch nervt

Überdrehte Konsumentin.

Überdrehte Konsumentin.

Der 20. März bedeutet Frühling – und Glück. Da kann man doch nichts dagegen haben, oder doch?

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20. März 2018, 09:52 Uhr

Der 20. März ist gleichzeitig der Tag des kalendarischen Frühlingsanfangs und Tag des Glücks und noch dazu scheint an diesem Dienstag ganz lange die Sonne. Eigentlich ein Grund dafür rund um glücklich zu sein. Das sieht unser Redakteur ganz anders. 

Melancholiker, Haltlose, Griesgrame, Negativisten, Weltschmerz-Patienten und selbst Glückseelige haben den übelsten aller westlichen Verbündeten: Die Endorphin-Armee, einen penetranten Industrie- und Dienstleistungskomplex, der aus jeder persönlichen Sinnfrage einen Reibach pressen will – und die Vereinten Nationen feiern es auch noch.

Mit ihren Grinseknebeln eifern die Dr. Nos der Marketingstrategie darum, uns allen ihren erweiterten Zufriedenheitsbegriff, er nennt sich Glück, unter die Nase zu reiben und diesem immer neue Dimensionen anzudichten. Die gesamte Atemluft ist mit der sektenerprobten Daseins-Frage konfrontiert: Bist du eigentlich glücklich?

Glück im Zeitalter des endorphinverseuchten, religionsvakuumisierten Grinseheimerismus bedeutet dabei nicht mehr als eine affektive, hedonistische Gier – und die Zufriedenheit als solche ist dieses Zeitgeistes größter Feind. Denn glücklich kann nur noch sein, wer haltlos konsumiert, die eigenen Standards stetig nach oben anpasst und hüpft, hüpft, hüpft, hüpft, hüpft. Hoffnungslos unglücklich sein und sich der Langeweile hinzugeben, ist fast schon süße Rebellion. In Zukunft wird der schreibende Trauerkloß vermutlich von grinsenden Männern abgeholt.

Wer jetzt glücklich sein will, muss Glückskekse (am besten aus Dinkel) fressen, für den Schutz kuscheliger Wildtiere spenden, zur Ayurveda-Massage nach Indien fliegen, Netflix aufsaugen, SUV in der Stadt fahren, spazieren gehen in Gore-Tex, sich über jahrelange Torturen künstlich befruchten lassen, Blumen auf den Waschtisch stellen, Lautsprecher kaufen, die per Funk versorgt werden, dafür aber ein Stromkabel benötigen – und jeden Tag ein Schnäppchen machen.

Wenn auch das nichts hilft, muss der Patient-Kunde eben Tabletten oder Globuli mit glückskristallgeschwängertem Flaschenwasser einwerfen, oder er bekommt toilettenhausphilosophische Schundwerke über positives Denken gereicht: Die Höchststrafe!

Glück ist ein geschlossenes System, ein First World Problem, das uns sich ausliefert. Die letzte kleine Marktlücke wird wahrscheinlich auch bald mit dem Deodorant der Glückseeligkeit bestäubt: Es ist noch nie jemand lachend zur Welt gekommen – ein wahrer Misstand, dieser Naturzustand. Menschenskinder noch mal, helft den armen Babys, sie sollen irgendwann eure Glückskekse bezahlen!

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