Besuch von Minister Garg : Konsole Memorebox: Videospiele helfen Pflegebedürftigen

Von links: Manouchehr Shamsrizi (Firmengründer Retrobrains), Bernd Hillebrandt, Barmer-Chef  in Kiel und Minister Heiner Garg präsentierten das Videospiel mit einer Bewohnerin des Pflegeheims Domicil.

Von links: Manouchehr Shamsrizi (Firmengründer Retrobrains), Bernd Hillebrandt, Barmer-Chef  in Kiel und Minister Heiner Garg präsentierten das Videospiel mit einer Bewohnerin des Pflegeheims Domicil.

Auch im Rollstuhl können Pflegebedürftige mit Videospielen Spaß haben und Gedächtnis und Beweglichkeit trainieren.

Avatar_shz von
21. November 2018, 19:57 Uhr

Kiel | Der Minister kam der Leitplanke gefährlich nahe. Und die Schlangenlinie, die Heiner Garg anfangs mit dem Moped fuhr, hätten im realen Leben die Polizei sofort auf den Plan gerufen. Doch Garg fuhr im Kieler Pflegeheim Domicil auf einer virtuellen Autobahn durch die Republik und bog zum Schluss vorschriftsmäßig auf den Abzweiger nach Kiel ein. Da hatte er sich schon in die Aufgabe reingefuchst: Mit seitlicher Bewegung des Oberkörpers die Richtung des Motorrads zu bestimmen.

Weiterlesen: Hier geht es zum große Pflege-Dossier von shz.de

Das sollen künftig auch die Bewohner in mindestens fünf Altersheimen im Norden, die an einem Projekt der Barmer Krankenkasse teilnehmen. Dabei geht es nicht nur darum, beweglich zu bleiben und im Rahmen der Sturzprophylaxe die Balance zu halten, sondern auch um Spaß am Spiel. Das gesundheitsfördernde Videospiel Memore – das ähnlich der weit verbreiteten Spielkonsole Wii funktioniert – kann auch im Rollstuhl sitzend gespielt werden. Gesteuert wird über eine Spezialkamera auf dem Riesenbildschirm.

Therapie: Eine  Pflegeheim-Bewohnerin bewegt Hände und – so gut es eben geht – auch Füße, genauso wie der computeranimierte Vortänzer auf dem großen Bildschirm.

Therapie: Eine  Pflegeheim-Bewohnerin bewegt Hände und – so gut es eben geht – auch Füße, genauso wie der computeranimierte Vortänzer auf dem großen Bildschirm.

„Ziel ist es, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten von Senioren zu fördern, vor allem geht es uns aber um eine Verbesserung der Lebensqualität für Pflegebedürftige“, erklärte Bernd Hillebrandt, Barmer-Chef in Kiel.

Seit zwei Jahren wird die „Memore-Box“ erprobt. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: „Die Gang- und Standsicherheit wurde gestärkt, Motorik-, Ausdauer- und Koordinationsfähigkeiten konnten verbessert werden“, so Hillebrandt. Dass dabei auch soziale Bindungen und die Kommunikation gefördert wurden, sei mehr als ein netter Nebeneffekt. „Menschen haben einen natürlichen Spieltrieb, in jedem Alter“, weiß Hillebrandt. Das sei eine gute Voraussetzung für digitale Projekte.

Entwickelt wurde das Programm, das bundesweit in 100 Pflegeeinrichtungen wissenschaftlich begleitet wird, von drei Berliner Studenten. Und es wird ständig verbessert: Neben der Motorradfahrt kann man Kegeln, Turnen, Tanzen oder Tischtennis spielen und sich als Briefträger versuchen, der im Vorbeiradeln Post in Vorgärten wirft. Sehr witzig! Dabei werden neuerdings auch weibliche Avatare eingesetzt und die technischen Geräte der Lebenspraxis angepasst: Contoller und Balanceboards wie man sie von den Spielkonsolen um die Jahrtausendwende kennt sind überflüssig. Sie hätten bei jedem Spielerwechsel zeitaufwändig desinfiziert werden müssen.

Firmengründer Manouchehr Shamsrizi betonte in Kiel, die Kernidee sei uralt. Bereits der Dichter Friedrich Schiller (1759-1805) habe gewusst: „Der Mensch ist nur Mensch, wo er spielt.“ Und der amerikanische Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes (1809-1894) habe die These vertreten, „man altert in dem Moment, wo man aufhört zu spielen“. Shamsrizi setzt auf sinnvolles Spielen: Bereits acht Minuten pro Tag sich von links nach rechts mit dem Oberkörper zu bewegen reichten aus, um Stürzen vorzubeugen.

Für Garg war die Motorradfahrt ein aufregendes Erlebnis und ein „kleiner, aber wichtiger Baustein, Erfahrungen mit digitalen Einsatzmöglichkeiten in Pflegeeinrichtungen zu sammeln“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen