Stromkosten : Kommt die neue Armut aus der Steckdose?

Angesichts steigender Strompreise vergeht immer mehr Menschen das Lachen beim Wäschewaschen. Foto: dpa
Angesichts steigender Strompreise vergeht immer mehr Menschen das Lachen beim Wäschewaschen. Foto: dpa

Strom wird zum Luxusgut. Doch während die Zahl der Sperrungen von Anschlüssen in den Städten steigt, bleibt sie auf dem Land konstant niedrig.

shz.de von
12. November 2012, 08:54 Uhr

Kiel | Die grüne Fraktionschefin in der Flensburger Ratsversammlung, Ellen Kittel-Wegner, kennt den Übeltäter: "Die Bundesregierung ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Stadtwerke Flensburg die Strompreise zum nächsten Jahr erhöhen". Immer mehr müssten private Haushalte für "Mc Donalds, Allianz oder Aldi" mitbezahlen, die sich von den Netzentgelten und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien haben befreien lassen, wettert die Grüne.
So wie in Flensburg müssen zahlreiche Stadtwerke ihren Kunden im neuen Jahr saftige Erhöhungen zumuten - häufig im zweistelligen Bereich. Allein die Umlage für Ökostrom steigt um 47 Prozent auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Ein Drei-Personen-Haushalt muss mit Mehrkosten von etwa fünf Euro pro Monat rechnen. Dabei können viele Menschen schon jetzt nicht mehr zahlen und werden deshalb von der Energieversorgung ausgeschlossen. Die Kerzen, die sie anzünden, haben wenig mit Romantik zu tun - und viel mit einer neuen Energiearmut. Derzeit erhalten zum Beispiel rund 880 Kunden der Stadtwerke Husum regelmäßig Mahnungen. Die Zahl der Privat-Insolvenzen habe "gefühlt zugenommen", heißt es in der Stormstadt. Die Preiserhöhung im Januar werde die Zahl der Säumigen wohl weiter in die Höhe treiben, vermutet Bezirksleiter Sven Dirkg.
Sperrungen auf dem Land auf niedrigem Niveau
Ähnlich fällt die Einschätzung im gesamten Land aus. Einzig die Eon Hanse als überregionaler Versorger gibt sich gelassen. Die Zahl der Sperrungen bewege sich auf konstant niedrigem Niveau. "Etwa ein halbes Prozent unser Kunden sind betroffen", erklärt Sprecher Roland Schilab. Das sei auf die geringere Arbeitslosigkeit und intensive Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen zurückzuführen. "Es werden Ratenpläne vereinbart und eine effiziente Beratung durchführt". Zudem beliefere Eon das flache Land. Dort seien Zahlungsfähigkeit und Zahlungsmoral besser als in den Städten", so Schilab. Davon können selbst wohlhabende Kleinstädte wie Eckernförde nur träumen. "Wir haben seit Jahren 40 Kunden, die gesperrt sind".
Jochen Kiersch, Chef des schleswig-holsteinischen Mieterbundes, sprach kürzlich von zum Teil "ruppigen" Praktiken der Energieversorger. Versuche, mit den Betroffenen vor der Abschaltung eine Einigung anzustreben, würden gar nicht erst unternommen. Doch den Vorwurf will die Branche nicht auf sich sitzen lassen.
"Eine Sperrung ist immer der letzte Ausweg"
"Eine Sperrung des Kunden ist immer der letzte Ausweg ist", heißt es in Rendsburg und anderen Städten. Dass man schon bei 100 Euro Schulden und nicht erst bei 1000 Euro mahnt, liege daran, dass man aus Fehlern gelernt hat. Viele Stadtwerke sind bemüht, den Schuldenberg erst gar nicht so hoch werden zu lassen. Frühzeitig werde mit Hilfe von Sozialamt oder der Schuldnerberatung versucht, gegenzusteuern. Die Stadtwerke Kiel finanzieren dafür sogar eigens eine Stelle bei der Schuldnerberatung.
Das allein wird allerdings nicht helfen, sind sich die Fachleute einig. Die Politik sei gefordert, das Problem anzugehen, meint Mieterchef Kiersch - etwa durch Sozialtarife für durchschnittlich pro Person benötigten Strommengen. Der Paritätische schlägt vor, bei Hartz IV-Beziehern nicht nur die Heiz-, sondern auch die Stromkosten zu übernehmen und das Wohngeld anzuheben. Das sei durchaus bezahlbar, denn der Staat nehme durch die Erhöhung der Umlage nach dem erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) zusätzliche Milliarden ein. "Haushalte ohne Strom machen Angst", sagt Kiersch und berichtete von Mietern, die mit mobilen Gaskochern ihre Wohnung heizten oder ihr Essen zubereiteten. Verlängerungskabel quer durch Treppenhäuser seien keine Seltenheit. Umweltschützer setzen hingegen auf Aufklärung und Stromspartipps. Denn am billigsten ist die Energie, die man gar nicht erst verbraucht.

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