Klingelmann von Wyk : Knudt klingelt Föhr aus dem Winterschlaf

In Wyk auf Föhr läutet Knudt Kloborg den Frühling ein. Foto: Heyse
1 von 2
In Wyk auf Föhr läutet Knudt Kloborg den Frühling ein. Foto: Heyse

Lange Zeit war es ruhig auf Föhr. Seit Ostersamstag ist es jedoch vorbei mit der winterlichen Stille: Der Klingelmann von Wyk dreht wieder seine Runden.

Avatar_shz von
02. April 2013, 09:13 Uhr

Wyk/Föhr | Das Geräusch ist nicht gerade ein Ohrenschmaus. Ein helles, metallisches Schlagen schallt am Samstagvormittag durch die schmalen Gassen Wyks. In der Hafenstadt kennt man das Geräusch gut, auch wenn es schon ein gutes halbes Jahr nicht mehr zu hören war. Am Sandwall, der großen Promenade am Badestrand, ahnt man schon, was Touristen und Einheimische gleich erwartet: "Ja, das Geräusch kenne ich." schmunzelt Elke Lorentzen, Kellnerin im Café Milchbar. "Da können wir uns schon mal auf was gefasst machen."

Und da kommt er auch schon um die Ecke: groß gewachsen, Kapitänsuniform, weißer Rauschebart - Knudt Kloborg ist ein Mann, der schwer zu übersehen ist. Er schiebt ein knallblaues Fahrrad vor sich her. Auf dem Frontgepäckträger thront eine große Schiffsglocke. Wer sich auf dem Sandwall bislang gefragt hat, wo das schlagende Geräusch herkam, das vorhin zu hören war, der kann sich spätestens bei diesem Anblick das Nötige zusammenreimen.

"Wir färben die Eier einfach schwarz"

Die Straßen sind gut gefüllt an diesem Tag. Viele Touristen sind über die Osterfeiertage auf die Insel gekommen und nutzen den Samstag für einen Einkaufsbummel. Knudt schlängelt sich durch die Fußgängerzone, steuert zielstrebig auf das Café Milchbar zu und parkt sein Fahrrad direkt davor. Und dann gehts los: Knudt schaut sich grinsend um, greift nach seiner Schiffsglocke und schwingt sie dreimal mit voller Kraft durch die Luft. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönt. Spätestens jetzt sind alle Augen und Ohren auf ihn gerichtet. Zeit für seine Show: "Eine Bekanntmachung", ruft er mit deftig-friesischem Akzent in die Menge. "Morgen zu Ostern scheint den ganzen Tag die Sonne. Vielleicht schneit es aber auch, das weiß ich nicht. Das macht aber nichts, wir färben die Eier einfach schwarz, damit wir die im Schnee auch finden". Das ist zwar nicht gerade die Aussage mit dem höchsten Nachrichtenwert, aber darum geht es auch gar nicht. Die Menge lacht und auch Knudt kann sich das Lachen nicht verkneifen. Genau diese Situationen liebt er. Man sieht ihm an, dass er sich pudelwohl fühlt.

Knudt Kloborg ist der Klingelmann von Wyk. Ein traditionsreiches Amt, das es in der Stadt eigentlich seit mehr als 30 Jahren gar nicht mehr gibt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts radelten Klingelmänner mit ihren Schiffsglocken durch Wyk und verkündeten amtliche Neuigkeiten. Später kamen auch Werbung für lokale Unternehmen, Veranstaltungshinweise und die eine oder andere Entertainmenteinlage hinzu. Nachdem der letzte Klingelmann Karl Carstens 1979 verstarb, trat jedoch niemand in dessen Fußstapfen und die Klingelmanntradition schlief ein.

Persönliche Botschaften von Touristen

Knudt fand das schade und nahm sich nach seiner Pensionierung im Jahr 2009 vor, die Klingelei in Wyk wiederzubeleben. In Flensburg kaufte er sich kurzerhand auf der Rumregatta eine Glocke und bei der Stadtverwaltung in Wyk besorgte er sich eine Genehmigung zum Ausklingeln. Seitdem zieht der ehemalige Seefahrer in den Sommermonaten mit Glocke und Fahrrad durch Wyk und verkündet seine Neuigkeiten. Mal sind das Veranstaltungshinweise, die er sich selbst aus dem Kalender heraussucht. Oft sind es Tipps von Bekannten oder Nachbarn, die er, zu markigen Sprüchen verarbeitet, lauthals in Wyk ausruft.

Manchmal findet er sogar Zettel von Touristen in seinem Briefkasten, die ihn bitten, an einem bestimmten Tag eine persönliche Botschaft auszurufen. Über solche Aufträge freut Knudt sich besonders. "Sowas bleibt oft lange im Gedächnis", erzählt er. Besonders unterhaltsam sind jedoch die improvisierten Ausrufe. Da wird schon mal spontan in der Einkaufsstraße einer Nachbarin zum Neugeborenen gratuliert. Natürlich verpackt als amtliche Bekanntmachung, mit reichlich Glockenschlag und mindestens 80 Dezibel in der Stimme.

Spenden für die DGzRS

Trotz aller Ironie ist Knudt bei seinen Klingeltouren ein Aspekt sehr wichtig. Er sammelt Spenden für die Seenotretter der DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger). "Wer selbst mal zur See gefahren ist, der weiß, wie wichtig das ist", erzählt er. "Die Seenotretter kommen immer - egal was passiert". An diesem Tag läuft es ziemlich gut. Das kleine Spendenschiffchen, das Knudt auf seinen Frontgepäckträger montiert hat, wird fleißig mit Münzen gefüllt. Der Klingelmann hat da irgendwie ein Händchen für. Obwohl er nicht explizit darum bittet, hat er auf seinen Touren schon so viel Spendengeld zusammengetragen, dass die DGzRS ihn zum Ehrenmitglied ernannt hat. Eine Auszeichnung, auf die Knudt zu Recht sehr stolz ist.

Nach zwei Stunden Stadtrundgang macht Knudt an diesem Vormittag Feierabend. Zuhause wartet das Mittagessen und morgen ist ja auch noch ein Tag.

Die Wyker haben sich längst an ihren neuen Klingelmann gewöhnt und so langsam etabliert sich Knudt mit seiner Schiffsglocke zu einem der ersten Frühlingsboten der Stadt. Wenn es nach Knudt geht, dann ist die warme Jahreszeit auf Föhr jedenfalls eingeläutet.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen


Nachrichtenticker