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Krankenhaus statt Hausarzt : Klinik-Ambulanzen in SH sind überlastet

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Patienten gehen in SH öfter gleich ins Krankenhaus statt zum Haus- oder Facharzt. Der Ansturm zwingt Kliniken zum Handeln.

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2014 | 15:57 Uhr

Kiel | Bauchschmerzen, ein dickes Handgelenk, Hautausschlag – immer häufiger gehen Schleswig-Holsteiner mit solchen Symptomen direkt in die Notfallambulanzen der Kliniken. Dort – so ihre Überzeugung – gibt es rund um die Uhr kompetente Fachleute und moderne Apparatemedizin. Vor allem aber muss man nicht monatelang auf einen Termin warten – wie oft beim Facharzt.

Die Folge: Klinikambulanzen im Norden sind überlastet. „Sie müssen in Bagatellfällen einspringen, bei denen eine Behandlung nicht zwingend sofort notwendig ist und die eigentlich zum Aufgabenbereich der Niedergelassenen gehören“, erklärt Bernd Krämer, Chef der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein. Er kann die inflationäre Inanspruchnahme der Ambulanzen mit Zahlen belegen. So stiegen am Flensburger Diakonissenkrankenhaus die Fälle von rund 13.000 im Jahr 2010 auf etwa 14.700 im vergangenen Jahr. Im kommunalen 6K-Verbund (Kiel, Eckernförde, Neumünster, Heide) wurden 2012 gut sieben Prozent mehr ambulante Notfälle als 2010 behandelt. Das Uni-Klinikum (UKSH) meldet gar eine Steigerung um 20 Prozent binnen fünf Jahren auf jetzt 85.470 Fälle. „Ein Schwerpunkt der Notfallversorgung liegt an den Wochenenden. Auf diese entfallen etwa 40 Prozent“, so Krämer.

Die von der Kassenärztlichen Vereinigung gezahlte Vergütung deckt den Aufwand der Kliniken „nicht mal annähernd“, beklagt Krämer. Allein das UKSH beziffert seinen Mehraufwand in Kiel und Lübeck auf rund 26 Millionen Euro pro Jahr. „Für die 5354 ambulant behandelten Kinder in Kiel gab es 2013 nur eine durchschnittliche Vergütung von 16,12 Euro“, berichtet UKSH-Sprecher Oliver Grieve.

Vor allem bei diffusen Krankheitsbildern wie Schmerzen im Unterleib läuft die teure Klinikmaschinerie an, um abzuklären, ob es sich um einen „chirurgischen“, „internistischen“ oder „gynäkologischen“ Bauch handelt. Ärgerlich für die Kliniken: Sie bekommen viel weniger Geld als die niedergelassenen Ärzte. „Fällt ein Kind hin und hat eine klaffende Wunde, bekommt die Uniklinik für die Naht 26 Euro, der Niedergelassene im Notfalleinsatz 92 Euro“, so Grieve.

Zwar behandeln Kliniken Patienten nur auf Überweisung, doch Notfallpatienten dürfen nicht abgewiesen werden. Der Ansturm zwingt die Ambulanzen jetzt, Hilfesuchende nach strengen Kriterien zu kategorisieren, damit echte Notfälle Vorrang erhalten. 

Die Kassen fordern, die Aufgabenverteilung zwischen Kliniken und Niedergelassenen neu zu regeln. Zumal die Bundesregierung ein Gesetz plant, das den Ansturm auf Ambulanzen weiter beflügelt: Kann der Haus- oder Facharzt keinen Behandlungstermin innerhalb von sechs Wochen garantieren, darf der Patient in die Klinik gehen. Die Ausrede, man sei ein Notfall, ist dann überflüssig.

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