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Steigende Gewaltbereitschaft : Klinik-Ärzte in SH klagen über Prügel-Patienten

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Attacken in der Notaufnahme oder auf der Station – auch bei Angehörigen wächst die Gewaltbereitschaft.

Kiel | Ärzte und Pflegekräfte in Schleswig-Holsteins Kliniken werden von Patienten oder deren Angehörigen immer häufiger angegriffen – es wird gepöbelt, gespuckt, geschubst und geschlagen. Brennpunkte sind die Notaufnahmen. Doch auch auf den Stationen werden die Helfer zu Opfern.

Die Betroffenen wollen sich nur selten dazu äußern. „Wie alle großen Kliniken in Deutschland haben auch wir mit dem Problem zu kämpfen“, räumt der Sprecher des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel ein. Eine Statistik werde nicht geführt, aber es gebe wohl jährlich „mehrere Hundert Fälle“. Nicole Giese, stellvertretende Pflegeleitung am Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster, beklagt eine „eindeutig zunehmende Gewaltbereitschaft“. Erst kürzlich seien eine Schwester von einem aufgebrachten Patienten geohrfeigt und eine Ärztin von einem Alkoholisierten angegriffen worden.

Ein Sprecher einer anderen Klinik im Norden berichtet, nicht selten werde wegen der langen Wartezeiten in den völlig überlasteten Notaufnahmen gepöbelt. „Es gibt Leute, die glauben, man zieht eine Nummer wie beim Schlachter. Wenn es dann nicht der Reihe nach geht, weil Notfälle eingeliefert und versorgt werden müssen, gibt es Randale.“ Neulich habe eine Angehörige einem Pfleger ins Gesicht gespuckt, weil es ihr nicht schnell genug ging.

Andere Kliniken beschäftigen Wachleute, die zur Hilfe eilen, wenn in der Notaufnahme alkoholisierte Männer aggressiv werden. „Durch die Globalisierung wird auch die Gruppe der Patienten bunter, was nicht nur die Verständigung erschwert“, heißt es an einer größeren Klinik im Norden. Vornehmlich weibliches Personal habe darunter zu leiden. „Wir bieten unseren Mitarbeitern inzwischen Deeskalationskurse an“, berichtet Nicole Giese. Ähnlich verfahren die Segeberger Kliniken. In kleineren Häusern bilden sich Pflegekräfte auf Klinikkosten in Selbstverteidigung fort – nach dem Motto: Wie befreie ich mich aus einem Würgegriff?

Über zunehmende Gewalt wird bundesweit geklagt. Kürzlich gingen in einer süddeutschen Notaufnahme zwei rivalisierende Gruppen aufeinander los. Acht Pflegern gelang es nur mit Mühe, der Lage Herr zu werden. In Nürnberg sitzen nachts Wachleute in der Notaufnahme. Gegenstände, die sich als Wurfgeschosse missbrauchen lassen, wurden entfernt. „Uns Ärzte hat der weiße Kittel lange Zeit weitgehend geschützt – aber das ist vorbei“, so das Resümee des Nürnberger Klinikums. Die Verrohung mache vor dem Krankenhaus nicht halt. Deshalb hängen jetzt überall Plakate mit der Botschaft: „Bei Gewalt hört für uns der Spaß auf.“

Laut Krankenhausgesellschaft in Kiel sind die Verhältnisse im Norden zwar noch nicht so brisant, doch unbekannt sei das Problem auch hier nicht. „Zahlen haben wir dazu nicht“, heißt es. Die hat jedoch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste. Schon 2010 ergab eine Umfrage: 79 Prozent des Pflegepersonals waren schon einmal Opfer von verbaler Gewalt, 56 Prozent gar von körperlicher. Und seitdem hat sich die Lage deutlich verschärft, sind sich Fachleute einig.

Kommentar von Margret Kiosz

 

Der weiße Kittel war lange Zeit ein Schutz: nicht nur gegen böse Keime – auch gegen Gewalt. Beides funktioniert heute nicht mehr. Was bei Polizei, Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern schon lange offen beklagt wird, ist jetzt auch in den Krankenhäusern ein Problem. Ehemals „natürliche“ Autoritäten werden nicht mehr respektiert, sondern offen angegriffen – verbal und körperlich.

 

Die Entwicklung ist besorgniserregend. Nicht nur, weil damit  klare Anzeichen für die Verrohung unserer Gesellschaft zu Tage treten, sondern weil gerade diejenigen, die helfen wollen, selbst zum Opfer werden. Das ist für Ärzte und Schwestern, die bis zum Umfallen arbeiten, bitter.

 

Wer sich im Ton vergreift, weil er in Sorge um sein Leben oder das eines Angehörigen ist, mag entschuldigt sein. Dass aber ausgerechnet diejenigen, die zu faul sind, zum niedergelassen Arzt zu gehen, mit jedem Wehwehchen die Notfallambulanzen verstopfen, jetzt pöbeln und schlagen, wenn sie nicht sofort „bedient“ werden, ist ein Skandal. Leider wird sich diese Entwicklung sogar noch verschärfen, wenn demnächst die vom Gesundheitsminister geförderte Vollkasko-Mentalität auf die ebenfalls von der Politik verordnete Versorgungslücke trifft. Das knallt dann.

 

Natürlich ist der Schutz der Patienten ein hohes Gut. Und es ist richtig, dass sich Verbraucherschützer, Medien und  Rechtsgelehrte zu ihren Verbündeten machen, wenn Fehler passieren. Mit der inzwischen weit verbreiteten Einstellung „Ich bezahle ja, ich bin Kunde und ihr Dienstleister müsst liefern – und zwar pronto“, kann der Medizinbetrieb jedoch nicht funktionieren. Wer so egoistisch denkt, blendet aus, dass die Weißkittel in den Kliniken auch ein Recht darauf haben, dass sich Patienten vernünftig, höflich und angemessen verhalten. Diese Tugenden sind offenbar in bestimmten Kreisen außer Kraft gesetzt, doch der Aufschrei der Mehrheitsgesellschaft bleibt aus. Das werden wir alle teuer bezahlen.

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erstellt am 27.Apr.2015 | 06:30 Uhr

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