Termindruck : Klimawandel wird für Zugvögel zur gefährlichen Hatz

<p>Pfuhlschnepfen auf der langen Reise.</p>

Pfuhlschnepfen auf der langen Reise.

Der Wandel des arktischen Winters setzt den Vögeln zu. Sie müssten ihre Lebensweise rasch anpassen – es ist ein Dilemma.

shz.de von
25. November 2018, 09:56 Uhr

Tönning | Der Klimawandel verkürzt den Winter – für arktische Brutvögel ist das gefährlich. Sie bekommen „Terminstress“. Um zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, wird für viele der Zeitplan zunehmend enger, wie eine Studie internationaler Forscher ergab.

<p>Eine Pfuhlschnepfe im Flug.</p>
dpa

Eine Pfuhlschnepfe im Flug.

Die Pfuhlschnepfe etwa versuche ihre Eiablage in der Arktis zeitlich so einzupassen, dass die Küken zur Zeit des maximalen Insektenvorkommens schlüpfen, sagte Biologe Gregor Scheiffarth. Wegen der zunehmend früher einsetzenden Schneeschmelze müsse sie immer früher in der Arktis ankommen.

Den Abflug aus ihrem Winterquartier in West-Afrika kann sie jedoch nicht verschieben. Der Grund: Auch dort gibt es nicht das ganze Jahr über Nahrung im Überfluss. Und im Gegensatz zum hohen Norden verschiebt der Klimawandel dort das Nahrungsangebot nicht nach vorne. „Sie können also nicht früher beginnen, sich die Fettreserven anzulegen“, erklärt Scheiffarth. „Deswegen ist der Abflug-Termin festgelegt, deswegen können sie nicht früher im Wattenmeer ankommen.“ Rund eineinhalb Monate dreht sich bei der Pfuhlschnepfe dann alles ums Fressen. Am Ende hat sie ihr Gewicht annähernd verdoppelt -– alles Energie für den Nonstop-Flug von Mauretanien ins Wattenmeer.

Früher ankommen bringt nichts

Wenn sie bei uns ankommt, ist das ganze Fett verbrannt. „Sie hat alles gegeben, was sie hat. Sie ist sehr ausgezehrt, muss auch die Muskeln neu aufbauen.“ Und das muss sie innerhalb von drei bis vier Wochen schaffen, um rechtzeitig in der Arktis zu sein. Früher im Wattenmeer anzukommen würde übrigens auch nichts bringen.

Denn um die immens hohe Gewichtszunahme zu schaffen, muss die Pfuhlschnepfe im Watt bei Ebbe genügend Würmer, Krebse und andere Tiere finden. „Und das geht erst Ende April bei uns richtig los“, sagt Scheiffarth. Der Zwischenstopp im Wattenmeer zum „Auftanken“ fällt daher immer kürzer aus. In manchen Jahren fliegt sie weiter, ohne sich genügend Speck angefressen zu haben. Dadurch schafft sie den Weg nach Sibirien nicht beziehungsweise hat dort nicht mehr genügend Kraft, um erfolgreich Nachwuchs aufzuziehen.

„Weil die Bedingungen im Wattenmeer nicht in jedem Jahr optimal für die Pfuhlschnepfe sind, kann man schon einen starken Bestandsrückgang feststellen“, sagt Scheiffarth. Tatsächlich gilt die Pfuhlschnepfe als Vogelart, die vom Klimawandel besonders betroffen sein wird. Experten gehen davon aus, dass sie bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in ihrem heutigen europäischen Verbreitungsgebiet verschwunden sein wird. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung in Tönning rasten im Wattenmeer von den Niederlanden bis nach Dänemark bislang noch rund 400.000 Pfuhlschnepfen.

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