Tornesch : Kita-Skandal: Das DRK wehrt sich gegen Vorwürfe

Sie standen Rede und Antwort: Dirk Jacobsen vom Wendepunkt, Kita-Leiterin Nadine Joswig, DRK-Kreisgeschäftsführer Reinhold Kinle. Foto: shz
Sie standen Rede und Antwort: Dirk Jacobsen vom Wendepunkt, Kita-Leiterin Nadine Joswig, DRK-Kreisgeschäftsführer Reinhold Kinle. Foto: shz

Kita-Skandal von Tornesch: Jetzt spricht das DRK. Es ist Träger der Kita, in dem es zu gewaltsamen sexuellen Übergriffen von Jungen auf Mädchen gekommen sein soll.

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13. Juni 2011, 03:16 Uhr

Pinneberg | Die Organisation betreibe insgesamt 14 Kindertagesstätten im Kreis Pinneberg und sei "mit der kindlichen Entwicklung bestens vertraut", sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Reinhold Kinle.
Kindliche Neugier auf das andere Geschlecht sei "völlig normal", sagt Kinle. Auch in Tornesch habe alles mit "harmlosen Doktorspielen" begonnen; erst später sei es zu "Grenzüberschreitungen" gekommen, die "nicht akzeptiert werden können". Das sei bedauerlich. Kinle versichert, das DRK habe "sofort reagiert" und nehme die Sache sehr ernst. Die Aufarbeitung habe oberste Priorität. Offene Rücktrittsforderungen von Kita-Eltern gegen ihn wies er zurück: "Es wird keinen Rücktritt geben."
Harmlose beginnende Doktorspiele in der Kuschelhöhle
Kita-Leiterin Nadine Joswig versichert, die Doktorspiele in der Kuschelhöhle hätten "einvernehmlich" und "im normalen Bereich" begonnen - und seien später unbemerkt "in den roten Bereich" übergegangen. Die Mutter eines betroffenen Mädchens widerspricht gegenüber unserer Zeitung: "Das ist die Wunschvorstellung von Frau Joswig. Die Mädchen sind von Anfang an gezwungen und bedroht worden."
Die Erzieherinnen in der Blauen Gruppe hätten nichts bemerkt, beteuert Joswig. In dieser Familiengruppe betreuen nach ihren Angaben drei Erzieherinnen sowie zeitweise eine Heilpädagogin und eine Auszubildende 15 Kinder, davon fünf unter drei Jahren und zehn zwischen drei und sechs Jahren.
Kuschelhöhle ist abgebaut worden
Bekannt geworden seien die Vorfälle erst durch die Mutter eines Mädchens, das eines Tages nicht mehr sprach und nicht mehr aß. Joswig: "Dieses Mädchen spricht bis heute nicht. Wir wissen nicht, was das mögliche Trauma ausgelöst hat." Diese Mutter habe die Freundinnen ihrer Tochter angesprochen und von ihnen erfahren, wozu die Jungen sie genötigt hätten. Die Mutter habe sich mit den Eltern der Freundinnen an die Kita-Leitung gewandt. Sie habe unverzüglich die Kita-Aufsicht des Kreises, die Beratungsstelle Wendepunkt und die Stadtverwaltung eingeschaltet, versichert Joswig. Es habe Gespräche mit den Eltern der betroffenen Mädchen und Jungen gegeben. Die Kuschelhöhle sei abgebaut worden. Derzeit würden die Kinder der Blauen Gruppe mit Hilfe von Erzieherinnen aus anderen Gruppen "mit erhöhter Aufmerksamkeit" betreut und gingen "nicht mal mehr alleine auf die Toilette". Die Kinder, auch die betroffenen Jungen und Mädchen, gingen in der Kita unbefangen miteinander um.
Angaben von Eltern, wonach die Vorfälle sich über ein Jahr hingezogen und nahezu täglich wiederholt hätten, widersprach Joswig nicht: "Wir wissen es nicht genau." Ebensowenig sei bekannt, was im Einzelnen vorgefallen sei.
"Wir wissen noch nicht, woher die Jungs das haben"
"Wir bedauern sehr, dass es den betroffenen Kindern und Eltern schlecht geht", beteuert Joswig, ohne ein Wort der Entschuldigung zu finden. Zu den offenbar drastischen Nachahmungen sagt sie: "Wir wissen noch nicht, woher die Jungs das haben."
Dirk Jacobsen von der Beratungsstelle Wendepunkt schloss Hausbesuche in den Elternhäuser der Jungen nicht aus, "wenn die Eltern das wünschen". Für den Experten sind die Grenzverletzungen in Tornesch "kein Einzelfall" und noch nicht einmal außergewöhnlich. Zu den Ermittlungen der Kriminalpolizei nach einer Strafanzeige von Eltern gegen Erzieherinnen und Kita-Leitung meint Joswig, sie gehe nach derzeitigem Stand davon aus, "dass die Ermittlungen ergeben, dass keine Verletzung der Aufsichtspflicht vorliegt". Die Mutter, die die Strafanzeigen erstattet habe, schicke ihre Tochter weiter in den Kindergarten und habe den Erzieherinnen ihr Vertrauen ausgesprochen.
Davon könne keine Rede sein, widerspricht die alleinerziehende Mutter gegenüber unserer Zeitung: "Ich sehe eine massive Pflichtverletzung der Erzieherinnen." Es könne nicht angehen, dass Mädchen sich in der Kuschelhöhle unter Gewaltandrohung ausziehen müssten und niemand etwas bemerke.
(mk, shz)

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