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Lübecker Gemeinde St. Georg/Genin : Kirche will keine anonymen Gräber: Ärger um die letzte Ruhe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Lübecker Kirchengemeinde will keine anonymen Bestattungen mehr – und stellt sich damit gegen den Trend.

Lübeck | In Lübeck gibt es Streit. Auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde St. Georg/Genin sollen keine anonymen Bestattungen mehr zulässig sein. Auf dem über 700 Jahre alten Gottesacker an der Geniner Kirche soll es künftig verpflichtend für jedes Grab wenigstens ein Namensschild geben. „Wir sind der Auffassung, dass Verstorbenen über den Tod hinaus der Name bleiben sollte, als Menschen und Christen“, sagt die Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Monika Paustian. Schon 2009 habe man daher beschlossen, nach der Belegung des bisherigen Gräberfelds für anonyme Bestattungen kein weiteres derartiges Gräberfeld zu schaffen.

Die Gründe für eine anonyme Bestattung können persönlicher oder finanzieller Natur sein. Ein anonymes Grab verursacht geringere Kosten und entlastet vor allem einkommensschwache Familien. Zuweilen wird der Wunsch danach noch zu Lebzeiten geäußert. Eine anonyme Bestattung außerhalb von Friedhöfen ist unter anderem in Ruhewäldern oder auf See möglich.

Was in der Kirchengemeinde für Ärger sorgte: Kirchenmitglieder, die sich eine anonyme Bestattung wünschten, beschwerten sich öffentlich darüber, nun nicht mehr auf dem Friedhof der Gemeinde ruhen zu können, der sie seit ihrer Kindheit angehören. Doch die Lübecker Pröpstin Petra Kallies unterstützt die Gemeinde. „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein‘, heißt es in der Bibel, bei Jesaja, 43, Vers 1“, sagt Kallies. „Jeder und jede einzelne wird von Gott gesehen.“ Diese Individualität höre für Christen nicht auf. Ein Name auf dem Grab sei daher ein wichtiger Ausdruck des christlichen Glaubens. „Wir respektieren, wenn Menschen Ihre Angehörigen anonym bestatten wollen, aber auf unseren Friedhöfen ist es nicht die Form, die wir wünschen.“

Womit die Lübecker in Schleswig-Holstein ziemlich alleine dastehen. „Die anonyme Bestattung ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken“, sagt Franz-Helmut Pohlmann. Der Bestatter aus Heide ist Obermeister der Bestatterinnung Schleswig-Holstein, und hat bei der letzten Ruhe der Menschen einen gesellschaftlichen Wandel festgestellt. „Früher war es selbstverständlich, dass die Großfamilie, bei der mehrere Generationen unter einem Dach lebten, in einem großen Familiengrab bestattet wurde“, sagt Pohlmann. Heute gebe es oft niemanden mehr, der nach dem Tod eines Angehörigen die Grabpflege übernehmen wolle. Dadurch steige die Zahl anonymer Bestattungen. „Natürlich gibt es solche Bestattungen auch auf kirchlichen Friedhöfen“, sagt Pohlmann. Und fügt hinzu: „Die kirchlichen Friedhöfe können sie überhaupt nur da ablehnen, wo es parallel noch einen kommunalen Friedhof gibt.“

Einer der prominentesten evangelischen Theologen Deutschlands, der Vizepräsident des Kirchenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland, Thies Gundlach, sieht das Thema eher gelassen. „Im Grundsatz ist es gut, wenn Menschen einen Ort des Trauerns haben, an dem der Name des Verstorbenen sichtbar wird“, sagt er. „Deswegen empfehlen wir in der Seelsorge, Gräber mit Namen zu versehen – wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die keinen Ort mehr zum Trauern haben, oft hilfloser sind, als Menschen, die an einem Grab eines Verstorbenen gedenken können.“

Wenn Menschen allerdings partout anonym bestattet werden möchten, müsse auch die Kirche das respektieren. „Der Eindruck, dass eine Bestattung mit einem Grabstein erwünscht ist, weil es dem Friedhofsträger mehr Geld in die Kasse bringt, sollte vermieden werden“, sagt Gundlach. „Das ist nicht der Stil unserer Kirche.“ Als Pastor würde er auch selbst jederzeit an anonymen Bestattungen mitwirken, betont der Theologe. Das gelte auch für Seebestattungen, wo es ja in der Natur der Sache liege, dass es keinen Grabstein geben könne. „Als Kirchen haben wir so etwas nie abgelehnt – was ja auch im Blick auf die vielen Opfer von Schiffsuntergängen und Katastrophen seelsorgerlich nicht verantwortlich wäre.“

 

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