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Essstörungen : Kinder und Jugendliche im Schlankheitswahn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Magersucht oder Bulimie – in SH steigt die Zahl der Essgestörten dramatisch. Experten schätzen, dass etwa 140.000 Menschen Symptome dafür zeigen.

Kiel | Hervorstehende Wangen- und Hüftknochen, dünne Arme - beim Start der aktuellen Staffel der Casting-Show „Germanys-Next-Topmodel“ lehnte Moderatorin Heidi Klum erstmals zwei Kandidatinnen ab, weil sie zu dünn waren. Die Sendung, deren Vorbildfunktion für junge Mädchen oft in der Kritik steht, greift damit das Thema Essstörungen offensiv auf. Dass das wichtiger denn je ist, zeigen jüngst veröffentlichte Zahlen: Zwischen 2008 und 2012 stiegen die Fälle, stationär behandelter Kinder und Jugendlicher, die unter Essstörungen leiden um 44 Prozent an. Knapp 250 junge Schleswig-Holsteiner zwischen fünf und 19 Jahren wurden 2012 deswegen im Krankenhaus behandelt. Das berichtet ein Report der Techniker Krankenkasse Schleswig-Holstein (TK). Im Bundesvergleich stieg die Zahl junger Menschen mit dieser psychischen Störung im Norden überdurchschnittlich stark an. Im Vergleich muss die Bundesrepublik im Jahr 2012 30 Prozent mehr Kinder und Jugendliche verzeichnen, die sich wegen Essstörungen in Behandlung begaben.

„Es ist ein sensibles Thema, das man statistisch nur schwer messen kann. Aber die Zahlen weisen auf Auffälligkeiten“, sagt TK-Sprecherin Margarita Frank. Als Grundlage ihrer Auswertung dienten die stationär behandelten Fälle in Schleswig-Holstein. Experten gehen jedoch von einer sehr hohen Dunkelziffer aus, da sich viele Betroffene nicht in Behandlung begeben. So schätzt die Kieler Frauenberatungsstelle „Eß-o-Eß“, dass in Schleswig-Holstein etwa 140.000 Menschen an Symptomen einer Essstörung leiden. „Eß-o-Eß“-Therapeutin Gabriele Schiedeck sagt: „Oftmals handelt es sich bei Essstörungen um ein verstecktes Leiden. Ständiges Kalorienzählen, tägliches Wiegen und übermäßige gedankliche Beschäftigung mit dem Essen können erste Warnzeichen sein.“ Esstörungen bleiben dabei eine Domäne von Mädchen und jungen Frauen. 94 Prozent der stationär behandelten fünf bis 19-Jährigen waren weiblich. Besonders häufig diagnostizierten die Ärzte dabei Magersucht (Anorexie) und die Ess-Brech-Sucht (Bulimie).

„Seit den 70er Jahren stellen wir fest, dass psychische Störungen grundsätzlich zunehmen“, sagt Dr. Frank Helmig, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Diako-Krankenhauses in Flensburg. Und wie bei vielen psychischen Erkrankungen sei bei Essstörungen zu beobachten, dass betroffene Patienten immer jünger seien. „Essstörungen sind klassiche Autonomie-Abhängigkeits-Konflikte, die typischer Weise in der Pubertät auftreten. Die beginnt bei Mädchen heute schon im Alter von elf und zwölf Jahren“, so Helmig. Zwar seien Essstörungen überwiegend ein Problem von Mädchen und Frauen, doch unter den erwachsenen Patienten sei der Anteil der Männer zwar gering, aber steigend. „Noch bis in die 80er Jahren hinein waren Männer vom Körperkult befreit. Heutzutage spielt der Körper beim Mann eine viel größere Rolle. Und damit wächst der gesellschaftliche Druck auf das Schlanksein“, erklärt der Fachmann. Die Schuld allein auf die Gesellschaft zu schieben, greife jedoch zu kurz: „Essstörungen sind multifaktoriell. Die Gesellschaft ist nur der Nährboden, auf dem zum Beispiel familliäre Konflikte, Autonomiebedürfnisse, das Erwachsenwerden oder Leistungsdruck ihre Wirkung entfalten.“

Auch Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Schön Klinik in Bad Bramstedt, bestätigt die Entwicklung, dass immer mehr junge Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Die Zunahme der Erkrankungen habe aber noch weitere Gründe: „Ärzte diagnostizieren solche Krankheiten heute feiner und erkennen sie häufiger. Auch die Behandlungsangebote und -erfolge haben zugenommen, sodass es zu einer Enttabuisierung kommt.“ Osen geht deshalb davon aus, dass die Dunkelziffer im Gegenzug kleiner wird. Doch nicht nur nur Unterernährung bleibt ein wachsendes Problem. Auch die sogenannte adipösen Essstörungen nehmen zu. Dr. Frank Helmig: „Es gibt immer mehr zu dicke und zu dünne Menschen. Das Normalgewicht geht dabei verloren.“

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erstellt am 09.Feb.2014 | 16:12 Uhr

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