Kita-Besuch : Kinder-Betreuung bald unbezahlbar?

Wird der Kita-Besuch bald zum Luxus für Kinder wohlhabender Eltern? Wohlfahrtsverbände beklagen den Dreh an der Preisschraube.

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18. Juni 2011, 09:52 Uhr

Kiel | Wird der Kita-Besuch bald zum Luxus für Kinder wohlhabender Eltern? Die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände geht davon aus, dass Väter und Mütter, die keinen Sozialrabatt bekommen, bald stärker als bisher für die Betreuung ihres Nachwuchs zur Kasse gebeten werden. Schon jetzt drehen etliche Kreise und Kommune an der Preisschraube und fahren ihre Zuschüsse zurück, erklärte Verbands-Chefin Petra Thobaben gestern in Kiel. Weil nicht genug Geld für frühkindliche Bildung da ist und man den Kitas immer mehr Aufgaben aufbürde, würden vorgeschriebene Mindeststandards nicht eingehalten. Gruppengrößen von 25 - eigentlich nur für äußerst seltene Ausnahmefälle vorgesehen - seien heute die Regel. Statt zwei Betreuerinnen gebe es häufig nur eine. "Nötig ist ein landesweit einheitliches Finanzierungskonzept auf der Basis klarer Leistungsvereinbarungen", so Thobaben.

Rückendeckung erhielt der Verband auf seiner Tagung in Kiel von Professor Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz: "Schleswig-Holstein muss nachlegen, sowohl in der Qualität als auch der Quantität der Betreuung." Alles andere sei ein "Verbrechen an den Kindern". Sell widersprach der Politik, die sich die Situation schön rede. "Der Finanzteil ihres Landes an der Kitabetreuung ist unterdurchschnittlich", so der Bildungsökonom. Da die Kreise "nach Gusto Zuschüsse gewähren", gebe es einen Wildwuchs bei den Gebühren. Teilweise müssen Eltern bis zu 48 Prozent der Kita-Kosten übernehmen - Tendenz steigend. "Hier fehlt einen landesweite Systematik." Falls das Land nicht bereit sei, verbindliche Standards vorzugeben und diese auch zu finanzieren, müssten die Wohlfahrtsverbände - schon wegen ihrer weltanschaulichen Ausrichtung - notfalls über einen Ausstieg aus der Kita-Betreuung nachdenken. Zudem müsse der Bund stärker ins Boot geholt werden. Es sei ein Unding, dass in reichen Städten die Kita-Gebühren am niedrigsten sind und in armen Kommunen mit vielen Sozialleistungsemfängern gerade die Mittelschicht stark belastet wird.
"Es gibt in Schleswig-Holstein keine Absenkung der Mindeststandards"
Das Bildungsministerium widersprach den Aussagen der Wohlfahrtsverbände. "Es gibt in Schleswig-Holstein keine Absenkung der Mindeststandards", erklärte Minister Ekkehard Klug (FDP). Das Land habe den Betriebskostenzuschuss für Kitas um zehn Millionen Euro erhöht, und für den Krippen-Ausbau deutlich mehr Geld bereitgestellt.

Die Grünen warfen Klug vor, das Versprechen landesweit einheitlicher Sozialstaffeln "mit der Gemächlichkeit einer Schnecke" voranzutreiben. Eltern und Kindern hilft es wenig, die Frage auszusitzen. Auch auf die zehn Millionen Euro als Kompensation für das gestrichen dritte beitragsfreie Kita-Jahr warteten die Einrichtungen bis heute, kritisiert Anke Erdmann.
(kim, shz)

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