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Cenoten in Mexiko : Kieler Forscher tauchen in die Unterwelt der Maya

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Die Maya gaben den Cenoten auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko ihren Namen: "Heilige Quellen". Kieler Wissenschaftler haben das überflutete Höhlenlabyrinth erforscht.

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erstellt am 14.Dez.2012 | 09:08 Uhr

Kiel | Tief unter dem Dschungel der Halbinsel Yucatan in Mexiko liegt seit Jahrtausenden eine bizarre Unterwasserwelt: Auf dem Grund des weit verzweigten Höhlenlabyrinths der Cenoten ruhen Überreste aus der Steinzeit, Keramik-Gefäße der Maya, jahrhundertealte Skelette. "Die Cenoten sind für jeden Forscher ein Traum", sagt Florian Huber, Archäologe am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Kiel. Er hat ein interdisziplinäres Team aus vier Forschungstauchern geleitet - und ist selbst in diese Welt eingetaucht, bis zu 60 Meter in die Tiefe, mit hochmoderner Ausrüstung und einer 3-D-Filmkamera. Der Dokumentarfilm "Die Höhlen der Toten" soll im Sommer 2013 in die Kinos kommen.
"Man schwebt unter Wasser über einer Feuerstelle, die 8500 Jahre alt ist und so aussieht, als sei sie gerade erst verlassen worden. Das ist fantastisch." Noch einige Wochen nach seinem letzten Tauchgang in Mexiko klingt die Begeisterung und der Forscherdrang aus Florian Hubers Stimme. Vor 10.000 Jahren lebten Steinzeitmenschen in diesen Höhlen, gingen auf die Jagd, starben. Dann schmolzen die Pole ab und der Meeresspiegel stieg, die Höhlen stürzten ein und wurden geflutet. Die Maya gaben den Wasserlöchern im Dschungel zwischen 600 und 900 nach Christus ihren heutigen Namen: Cenoten, das heißt "heilige Quellen". Sie galten als Eingang in die Unterwelt, als Tore zur Hölle. Die Maya opferten den Cenoten: Kultgegenstände und auch Menschen. "Und wir dürfen heute in diese Unterwelt eintauchen", sagt Huber.

Weiße Krebse, Fische ohne Augen

In der Las-Calaveras-Cenote zum Beispiel liegen 126 Skelette - die Forscher wissen noch nicht, ob hier ein Friedhof war oder eine Opferstätte. Fest steht: Die Überreste überdauerten die Jahrhunderte unberührt, neben einem Elefantenunterkiefer, Faultierresten und allerlei Prähistorischem. "Wasser ist eins der besten Museen der Welt", sagt Huber. An Land wären die Knochen verstreut, wären von den Maya-Keramiken nur noch Scherben übrig. Das Geheimnis der Cenoten: "Luftsauerstoffabschluss". Ohne Sauerstoff kein Zerfall. "Die Überreste liegen wie in einer Zeitkapsel", erläutert Huber. "Konstante Wassertemperatur, kein Licht, keine Strömung - perfekte Verhältnisse." Das Wasser strömte eben nicht in einer großen, zerstörerischen Welle in die eingestürzten Höhlen, sondern stieg langsam. Millimeter um Millimeter.
Zwischen den vielen Toten haben Huber und seine Kollegen - Biologen und Geologen - auch die modernen und sehr lebendigen Bewohner der Cenoten getroffen: weiße Krebse, augenlose Fische und andere Kreaturen der Finsternis schwimmen ins Scheinwerferlicht. Die Tropfsteine in den Cenoten geben Geologen Aufschluss über Dürre- und Nässe-Perioden.

Eine enorme Herausforderung

"Yucatan ist wie ein Schweizer Käse", sagt Florian Huber. Zwischen 3000 bis 5000 Cenoten liegen in Mexiko, 30 haben die Kieler Wissenschaftler untersucht. Etwa 500 Tauchgänge haben die Wissenschaftler in den vergangenen Jahren dort unternommen. Die Forscher müssen weit tauchen, um überhaupt in die Höhlen zu kommen. Und sie müssen sich in der Dunkelheit orientieren können. Allein das Tauchen sei enorm schwierig, sagt Huber, und zwar physisch und mental. "In der Ostsee können Sie einfach auftauchen, wenn es Probleme gibt. Da nicht." Sich dann noch auf die Umgebung, auf die Forschung zu konzentrieren - eine Herausforderung.
Das Tauchen in den Cenoten ist auch ein Privileg - die Kieler waren das erste Team aus Deutschland in dem durchfluteten Höhlenlabyrinth. Dass er die Kinobesucher über die zusätzliche Kamera des Filmteams dorthin mitnehmen kann, freut den Wissenschaftler. Was für den Laien später einfach nur beeindruckend aussieht, bringt der Forschung außerdem wichtige Erkenntnisse. Durch die Nachbearbeitung mit 3-D-Technik können Archäologen wie Florian Huber ihre eigenen Fundstücke als Fotos und Filme im Büro am Computer ausmessen und auswerten. "Wir dürfen nichts mitnehmen", sagt Huber. Die mexikanische Regierung habe etwas dagegen. "Wir brauchen das auch gar nicht", sagt der Archäologe. Ein paar Gramm als Probe, ein Zahn, ein Stückchen von einem Knochen. Das reicht. "Wir heben ja auch nicht jedes Wrack, das wir in der Ostsee finden." Die Welt unter der Halbinsel Yucatan ist unberührt - und das soll so bleiben.

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