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Nach Wrackteil-Fund vor La Reunion : Kieler Forscher: MH370 vermutlich vor Java abgestürzt

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Im März 2014 verschwand MH370 vom Radar. Heute gaben Forscher des Kieler Geomar-Instituts Neuigkeiten bekannt.

shz.de von
erstellt am 01.Sep.2015 | 16:20 Uhr

Wo ist MH 370? Seit 16 Monaten wird nach der verschollenen Boeing 777 der Malaysia Airlines im Indischen Ozean gesucht. Vor ein paar Wochen wurde auf der Insel La Réunion (bei Madagaskar) ein Wrackteil – eine Flügelklappe – angeschwemmt, die zur Maschine gehören soll. Meeresforscher des Kieler Geomar-Instituts verfolgten die Spur des Flugzeugteils zurück, per Computermodell wurde die mögliche Verdriftung der Flügelklappe bestimmt. Das Ergebnis der Untersuchungen: Die Absturzstelle könnte rund 3500 Kilometer nördlicher liegen, als bisher gedacht. Das teilte das Institut am Montagmittag mit.

Das Flugzeug war am 8. März 2014 mit 239 Menschen an Bord auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos verschwunden. Zwei Drittel der Fluggäste waren Chinesen. Die Piloten hatten sich 40 Minuten nach dem Start zum letzten Mal beim Tower gemeldet, ohne Hinweis auf Probleme. Weniger als eine Stunde nach dem Start verschwand die Maschine vom Radar. Das Flugzeug wurde seither ohne Erfolg gesucht.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der momentane Fokus der Suche südwestlich von Australien zu weit südlich liegen könnte“, sagte Jonathan Durgadoo vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Am wahrscheinlichsten sei eine etwa 500 Kilometer mal 500 Kilometer große Absturzregion vor der Südküste der indonesischen Insel Java, erläuterten am Dienstag in Kiel Prof. Arne Biastoch und Durgadoo vom Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung.

Das Problem: Die Forscher rechneten Strömungen und die mögliche Drift einer Ende Juli am Strand der Insel La Réunion vor Ostafrika gefundenen Flügelklappe einer Boeing 777 zurück. Sie betonten aber ausdrücklich, ihre bisherigen Daten reichten nicht aus, um der australischen Regierung bereits ein geändertes Suchgebiet zu empfehlen. „Unsere Berechnungen sind ein weiteres Puzzleteil, um das große Rätsel um MH370 zu lösen“, sagte Biastoch.

Die Kieler Wissenschaftler sahen in der Flügelklappe einen Ansatzpunkt. Sie ließen sich von der französischen Forschungseinrichtung Mercator Ocean in Toulouse per Satellit und Messbojen erfasste Tagesdaten zu den Oberflächenströmungen im Indischen Ozean aus den vergangenen 16 Monaten schicken.

Um den Ursprungsort der Flügelklappe in einer Computersimulation zurückverfolgen zu können, setzten die Wissenschaftler fast zwei Millionen virtuelle Partikel an der Fundstelle aus und rechneten in die Vergangenheit. „Daraus habe wir dann einmal pro Monat die wahrscheinlichsten Aufenthaltsorte der Partikel berechnet“, erläuterte Durgadoo.

Die Region im Indischen Ozean, in der 95 Prozent aller virtuellen Partikel auftauchten, ist fast halb so groß wie Australien - und nicht einmal zusammenhängend. Insgesamt aber liegt sie mindestens 1500 Kilometer nördlich vom bisherigen Suchgebiet westlich von Australien. Die einzige Region, in der die letzten Satellitenkontakte der Maschinen und eine Häufung von virtuellen Partikeln übereinstimmen, sei die Meeresregion vor Java, sagten die Wissenschaftler.

Bei den Berechnungen der Kieler Forscher wurde nur die Oberflächenströmung ausgewertet, Wind und Wellen blieben unberücksichtigt. „Der Wind dürfte keine große Rolle spielen, da das Wrackteil flach an der Oberfläche getrieben sein dürfte“, sagte Biastoch. „Wir werden aber noch weitere Computerberechnungen machen, die dann auch die Wellen mit berücksichtigen. Sollten weitere Wrackteile entdeckt werden, wären deren Fundorte eine sehr große Hilfe, um das tatsächliche Absturzgebiet einzugrenzen“, sagte der Wissenschaftler. Hilfreich wären auch Computer-Modellberechnungen anderer Forscher. Bisher sei ihm nicht bekannt, dass Ergebnisse solcher zurückgerechneten Strömungen zum vermuteten Wrackteil von Flug MH370 vorlägen.

Auf Twitter waren Ende Juli erste Bilder des gefundenen Teils zu sehen:

MH370 wird bisher in einem etwa 93 Kilometer breiten und 650 Kilometer langen Korridor vermutet – westlich von Australien. Meeresströmungen könnten das Wrackteil jedoch die 6700 Kilometer nach La Reunion transportiert haben. Offenbar lag es lange im Wasser.

Suchgebiet
Suchgebiet Foto: dpa
 

2014 war bei der Suche nach dem Wrack des Passagierflugzeugs ein Tauchgerät des Kieler Geomar-Instituts zum Einsatz gekommen – ohne Erfolg. Das Seitensichtsonar kam in bis zu 6000 Meter Tiefe zum Einsatz und suchte den Meeresboden ab. Bereits 2011 hatte das Kieler Institut mit einem unbemannten U-Boot geholfen, vor Brasilien das Wrack einer abgestürzten Air-France-Maschine zu finden.

Die MH370-Chronolgie:

8. März 2014: Malaysia Airlines teilt mit, der Kontakt sei kurz nach dem Start abgebrochen. Die Boeing 777 war auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Vor Vietnam beginnt eine internationale Suche.

14. März: Die Suche konzentriert sich auf den Indischen Ozean - Hunderte Kilometer westlich der ursprünglichen Flugroute.

15. März: Die Ermittler vermuten Sabotage. Die Boeing sei nach dem letzten Kontakt stundenlang auf neuem Kurs geflogen. Wahrscheinlich wurden Kommunikationssysteme absichtlich abgeschaltet, heißt es.

24. März: Neuen Analysen zufolge ist das Flugzeug in den südlichen Indischen Ozean gestürzt. Das letzte Signal wurde laut malaysischer Regierung westlich der australischen Stadt Perth empfangen.

29. Mai: Die Maschine liege nicht im vermuteten Absturzgebiet, teilt das Koordinationszentrum mit.

20. Juni: Nach einer neuen Datenanalyse ist das Flugzeug wahrscheinlich weiter südlich als angenommen abgestürzt.

26. Juni: MH370 flog nach Einschätzung der Ermittler vor dem Absturz auf Autopilot.

28. August: Neueste Auswertungen legen nahe, dass das Flugzeug womöglich etwas früher Richtung Süden abdrehte.

5. Oktober: Die Suche wird in einem neu eingegrenzten Gebiet wieder aufgenommen.

29. Januar 2015: Malaysia erklärt alle Passagiere des vermissten Flugzeugs für tot. Die Suche nach der Maschine geht weiter.

8. März: Ein von Malaysias Verkehrsministerium am Jahrestag des Verschwindens veröffentlichter Zwischenbericht enthält nichts Neues.

29. Juli: Ein Wrackteil vor der Insel La Réunion löst Spekulationen um mögliche Verbindungen zu Flug MH370 aus.

5. August: Die Untersuchung der Flügelklappe in einem Labor in Südfrankreich beweist, dass sie von Flug MH370 stammt.

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