Polizei und Zoll : Khat-Kuriere mit neuen Strategien auf der A7

Diese Khat-Ladung ist aufgeflogen und wurde verbrannt. Heute wird die Droge in kleineren Kartons geschmuggelt. Foto: Polizei
Diese Khat-Ladung ist aufgeflogen und wurde verbrannt. Heute wird die Droge in kleineren Kartons geschmuggelt. Foto: Polizei

Die Polizei hat es auf der A7 mit immer besser getarnten Transporten der Kaudroge Khat zu tun. Die Kuriere haben ihre Strategie geändert.

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14. April 2013, 04:51 Uhr

Flensburg/Hamburg | Das Geschäft um die Kaudroge Khat wird härter. Weil die Niederlande die Einfuhr der lorbeerartigen Blätter verboten haben, sind die Routen länger geworden - Preise und Gewinnspannen explodieren, die Kuriere setzen auf neue Strategien. Auf diese Entwicklung müssen sich Bundespolizei und Zoll jetzt einstellen, denn die Autobahn 7 bleibt weiter die Zielgerade der Lieferanten.

"Bisher wurde Khat legal über den Amsterdamer Airport Schiphol eingeflogen", sagt Axel Hirth vom Hamburger Zollfahndungsamt. Konsum und Besitz waren in den Niederlanden nicht strafbar. "Die Jahreseinfuhr von rund 600 Tonnen hatte einen Schwarzmarktwert von 56,5 Millionen Euro", sagt Hirth. Doch die Regierung in Den Haag hat die Blätterdroge vor kurzem auf die Liste der verbotenen Betäubungsmittel gesetzt. In Europa sind Handel und Konsum damit nur noch in Großbritannien erlaubt.

Transportweg ist länger geworden

Dort landen jetzt die Flieger mit der Ware, bei der ein schneller Transport unverzichtbar ist. Von der Ernte bis zum Konsum dürfen nicht mehr als drei Tage vergehen - dann ist der Wirkstoff, das Cathinon, abgebaut, und der Konsument kaut auf wirkungslosem Grünzeug herum. Die Zweige werden deshalb frühmorgens in den ostafrikanischen Anbaugebieten geerntet und sofort in den Flieger geschafft. Täglich jagen Drogenkuriere, die Wagen mit hunderten Kilogramm Khat vollgepackt, die Straßen Schleswig-Holsteins hinauf gen Dänemark. Konsumenten sind Asylbewerber aus Somalia, Äthiopien und dem Jemen, die vor allem in Skandinavien aufgenommen werden und auf den heimatlichen Genuss nicht verzichten wollen.

"Doch nun muss die Droge noch durch den Kanaltunnel oder auf die Fähre, was den Zeitdruck der Kuriere weiter verschärft hat", sagt Hirth. Mehrfach seien bereits Fahrer erwischt worden, deren Ware kaum noch zu gebrauchen war. Der Preis für das 70-Gramm-Bündel, das 2012 für fünf bis sechs Euro zu haben war, hat sich vervierfacht.

Ladungen werden kleiner

Generell haben die Hintermänner des Handels ein Problem: Das Rauschmittel beansprucht extrem viel Platz. Polizisten können die Khat-Transporte daher leicht erkennen. "Überladenes Fahrzeug, meist ein Mietwagen, unterwegs mit erhöhter Geschwindigkeit und von den Ausdünstungen der Pflanze beschlagene Scheiben", nennt Hanspeter Schwartz von der Bundespolizei in Flensburg die Merkmale.

Mittlerweile haben die Kuriere ihre Strategie jedoch geändert. "Beladen wird jetzt nicht mehr bis unters Dach, sondern nur noch bis zur Fensterkante, die stets auch abgedunkelt ist", so Schwarz. Betrug der größte Einzelfang aus der Amsterdamer Zeit 2,6 Tonnen, werden die Ladungen nun kleiner, damit die Fahrzeuge nicht so durchhängen. Auch die typischen und sehr auffälligen Jutesäcke haben ausgedient.

Begleitfahrzeuge kundschaften Kontrollen aus

Transportiert wird das Khat jetzt vorwiegend in Obstkisten. Und man gibt sich Mühe mit der Tarnung: In einem Ford Transit mit britischen Kennzeichen, der in Höhe Handewitt auf der A7 gestellt wurde, steckte die Kaudroge in Umzugskartons, aufgestapelt hinter Möbeln. Ähnlich war es bei einem Fund, den Bundespolizisten an diesem Mittwoch auf der A7 bei Schleswig bei der Kontrolle eines Kastenwagens gemacht haben. Der Fahrer (34) hatte 50 kleine Kartons, vollgestopft mit Khat, in große Kartons gestapelt. Die Menge: Bescheidene 250 Kilogramm, doch immerhin mit einem Schwarzmarktwert von mehr als 40.000 Euro.

Am Steuer sitzen oft Polen. Aber auch Bulgaren und Rumänen wurden bereits gefasst. Es ist anzunehmen, dass die Hintermänner des Handels ebenfalls aus diesen Ländern kommen und über organisierte Strukturen verfügen. "Jeder Transport wird von einem Begleitfahrzeug überwacht", erklärt Hirth. Die Ware soll nicht abhanden kommen. "Zudem fungieren die Begleiter als Scouts, kundschaften aus, ob es Kontrollen gibt."

Warum ist Khat so begehrt?

Warum ist Khat so begehrt, wie wirkt es? Toxikologe Stefan Tönnes vom Institut für Forensische Toxikologie in Frankfurt probierte die Droge mit Kollegen aus. "Erst wurde mir schlecht, dann hatte ich das Gefühl, über dem Boden zu schweben", berichtete Tönnes. Der Wirkstoff Cathinon ähnelt dem Amphetamin in der Droge Speed. In seiner Dissertation, die aus der Studie hervorging, schreibt er: "Es entsteht die Illusion einer geistig-intellektuellen als auch einer körperlichen (nicht nur sexuellen) Potenz." Rund 200 Gramm Khat müssen drei bis vier Stunden gekaut werden, bis sie ihre Wirkung entfalten.

Im Jemen, in Äthiopien und in Somalia ist das ein gesellschaftliches Ritual. Schätzungsweise 20 Millionen Arbeitsstunden gehen dadurch in Nordafrika pro Tag verloren, laut Weltbank geben Familien bis zu einem Drittel ihres Einkommens für den Konsum aus. Auch der Anbau hat kritische Folgen. Die Khat-Sträucher greifen wegen ihres hohen Wasserbedarfs die Grundwasservorräte an. Die 360 Millionen Khatbäume im Jemen benötigen 40 Prozent mehr Wasser als andere Agrarprodukte. Doch Khat wird weiter wachsen, denn es ist rentabler als Getreide. Der Umsatz wird im Jemen auf 600 Millionen Euro geschätzt - in einem Land, dessen Bruttosozialprodukt pro Kopf mit zu den niedrigsten der Welt gehört.

Im Sommer möglicherweise Kühltransporte

Im Zollfahndungsamt Hamburg überlegen die Experten derweil, wie die Kuriere die empfindliche Kaudroge im Sommer transportieren wollen. "Möglicherweise setzen sie auf Kühltransporter", sagt Axel Hirth. "Wir werden vorbereitet sein."

Gelöst ist das Problem damit nicht. Zwar drohen den Kurieren Haftstrafen, doch vielfach würden von der Staatsanwaltschaft Flensburg nicht einmal mehr Anträge auf U-Haft gestellt, erzählen Beamte, die Kuriere jagen. Die Fahrer seien schnell wieder auf freiem Fuß und machten weiter.

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