Kiel : Keinen Grund zum Feiern

Schaffen im Ronald McDonald Kinderhaus Gemütlichkeit zu Weihnachten: Annika (li.) und Sandy. Foto: Emde
Schaffen im Ronald McDonald Kinderhaus Gemütlichkeit zu Weihnachten: Annika (li.) und Sandy. Foto: Emde

Friede, Freude, Weihnachten - doch nicht für alle sind die Festtage wirklich besinnlich: Familien bangen um ihre Kinder, Häftlinge trennen Gitterstäbe von den Liebsten.

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26. Dezember 2011, 04:28 Uhr

Kiel | Die Lichter am Baum sind an, Kerzen brennen, festliche Musik im Hintergrund. Die Familie sitzt beieinander, unterhält sich, freut sich und tauscht nach dem Glöckchenklingeln die Geschenke. "Schon wieder ein Jahr rum", man kommt zur Besinnung. Doch was, wenn sich Weihnachten nicht so abspielt, weil Menschen ihre Haftstrafe absitzen müssen oder keinen Grund zum Feiern haben, weil das Liebste der Familie - das Kind - totkrank ist? Wir haben für Sie hinter die Kulissen geschaut.
Heiligabend, JVA Kiel. Menschen, die hier sitzen und von der Familie getrennt Weihnachten verbringen, haben es gesetzlich verdient, denn sie haben mehr als einmal gegen geltendes Recht verstoßen. Doch auch ihnen wird es, wenn sie mögen, "gemütlich" gemacht. 14 Uhr dreht sich der Schlüssel im Schloss. Wer möchte und es angemeldet hat, kann zum Gottesdienst von Pastor Dr. Martin Hagenmaier in den Mehrzweckraum. Der künstliche Tannenbaum steht geschmückt neben dem Altar, eine Geigerin ist eingeladen, festliche Musik zu spielen. Danach Kaffee und Stollen. Diese Chance nutzen rund 30 bis 40 von insgesamt rund 230 Inhaftierten in Kiel. "Der Gottesdienst ist hier nicht so übermäßig besucht wie draußen zu Weihnachten", sagt Hagenmaier. Er ist seit 1993 Gefängnispastor in der Einrichtung, hat schon viele gehen und wieder kommen sehen und weiß: Für Gefangene beginnt Weihnachten schon im Oktober, wenn sie fragen, ob sie in die Weihnachtsamnestie kommen. Klappt das nicht, stellt sich die Frage nach dem Weihnachtspaket. Wer keine Angehörigen hat, bekommt auch eigentlich keins. "Die Gefangenen selbst wollen in guter Erinnerung bleiben, ihren Kindern oder Frauen etwas zu Weihnachten schenken." Selbst die Post, die sie Weihnachten bekommen und verschicken, hat enorm hohen Stellenwert. Oft geht Hagenmaier stapelweise Weihnachtskarten kaufen auf Bitten der Häftlinge. "Die Vorstellung von dem, was Weihnachten sein soll, wird größer, je mehr Abstand man davon hat. Dann gewinnt Weihnachten plötzlich an einem ungeheuren Wert." Doch es gibt auch die, die froh sind, wenn es wieder vorbei ist.
Freude über zusätzliche Besuchszeit
Um Weihnachten trotz Haftzeit mit der Familie zu ermöglichen, organisiert der Pastor jährlich zwei sogenannte Familien-Weihnachtsfeiern: 15 Häftlinge (nach Anmeldung muss die Teilnahme genehmigt werden) können je drei Angehörige einladen. Nach einer kleinen Andacht sind sie bei Stollen und Keksen zwei Stunden mit ihren Familien zusammen. Eine Freude, denn es ist zusätzliche Besuchszeit. Die Zeit in der Zelle abzusitzen, erscheint wie eine verdiente Banalität, hört man den Eltern im Ronald McDonald Kinderhaus zu.
Wenn die Häftlinge der Andacht lauschen, versuchen Annika (25) und Sandy (28) beim gemeinsamen Kaffee mit anderen Eltern im Kinderhaus etwas Normalität in diesen Weihnachtstag kommen zu lassen. Die Mütter bangen um das Wohl ihrer Söhne, die sich den Weg ins Leben gerade hart erkämpfen müssen. Sandy kam Ende Oktober aus dem rund 700 Kilometer entfernten Chemnitz schwanger nach Kiel, weil die Ärzte zuhause ihr Kind schon aufgegeben hatten. In der 20. Schwangerschaftswoche stellten sie feindiagnostisch ein hypoplastisches Linksherz-Syndrom fest, einen der schwersten angeborenen Herzfehler. "Sie sagten, er wird in meinem Bauch sterben, von Abschied war die Rede und eine Seelsorge bekam ich zur Seite." Doch die junge Mutter kämpfte, informierte sich im Alleingang über ihre Chancen und fand bei den Kieler Experten der Kinderklinik das Vertrauen und Fachwissen, was sie suchte. Am 1. November war die Geburt - in der Kardiologie statt im Kreißsaal. 30 Minuten später die erste Not-Operation. Drei weitere hat der kleine Hannes bis heute erfolgreich hinter sich gebracht, weitere werden folgen. Doch Sandy ist zuversichtlich: "Die Ärzte hier haben Goldhände und fühlen wirklich mit, das ist viel wert."
Mehr als nur Obdach für Eltern
Annika aus Mölln (Kreis Herzogtum-Lauenburg) ist seit drei Wochen mit ihrem einjährigen Elia-Noel in Kiel. Er litt an Gallengangsatresie, wurde in den letzten beiden Wochen dreimal lebertransplantiert. Die letzte OP war erst vor zwei Tagen. Beide Mütter werden ihre Kinder noch mindestens drei Monate in der Klinik besuchen müssen. Weihnachtsgefühle kommen da nicht auf. "Man hört, dass Weihnachten ist, aber man nimmt es nicht richtig wahr", sagt Annika. "Wir wollen es uns am Nachmittag trotzdem etwas gemütlich machen mit den anderen Eltern. Es tut gut, mit Menschen reden zu können, die das gleiche durchmachen", ergänzt Sandy. Spätestens am Abend bekommen die meisten Frauen Besuch von ihren Familien. 13 Familien finden auf einmal im Ronald McDonald Kinderhaus Platz. 13 Familien und ihre Angehörigen bangen um das Wohl ihrer Kinder - auch heute.
Morgen versüßen Weihnachtsengel in Form von netten Menschen den Eltern für ein paar Stunden den Tag. Barbara Sandmann, ehrenamtlich engagiert seit 20 Jahren, kocht mit ihrer Familie sowie den helfenden Händen von Leiterin Eva Strehler ein drei-Gänge-Festessen für die Familien.
Das Ronald McDonald Kinderhaus ist mehr als nur Obdach für Eltern, deren Kinder schwerstkrank im UKSH liegen. Hier treffen Betroffene auf Eltern, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben, Ehrenamtliche und Mitarbeiter, die alles dafür tun, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.
Mehr im Internet: www.mcdonalds-kinderhilfe.org

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