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Wachsender Schiffsverkehr : Keine Lotspflicht: Gefahr einer Ölpest in der Ostsee wächst

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der boomende Schiffsverkehr und der Tunnelbau am Fehmarnbelt erhöhen das Unfallrisiko. Die Grünen fordern ein Überholverbot für Tanker.

Die Gefahr eines schweren Ölunfalls in der Ostsee wird in den nächsten Jahren wegen des stark wachsenden Schiffsverkehrs deutlich steigen. Zu dieser Einschätzung kommen der Deutsche Nautische Verein und die Grünen im Bundestag. „Die Möglichkeit von Havarien und Kollisionen wird immer wahrscheinlicher“, erklärt der Vorsitzende des Nautischen Vereins in Kiel, Jürgen Rohweder. Dies gelte nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der Öltanker stark zunehme. Besonders gefährdet sei der Schiffsverkehr in der engen Kadetrinne nordwestlich der Mecklenburger Darß-Halbinsel sowie im Fehmarnbelt.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Valerie Wilms aus Wedel warf der Bundesregierung am Donnerstag „Verantwortungslosigkeit“ vor, weil die „die Augen vor der drohenden Gefahr“ verschließe. Der Bund müsse sich „dringend mit den anderen Ostsee-Anrainern an einen Tisch setzen“, um schärfere Sicherheitsmaßnahmen durchzusetzen. So sei für die Kadetrinne eine Lotspflicht unabdingbar. Für den Fehmarnbelt forderte Wilms während des Tunnelbaus zwischen Deutschland und Dänemark unter anderem „ein Überholverbot für Tankschiffe“.

Schon heute ist die Ostsee vielbefahren. Die an der engsten Stelle kaum einen Kilometer breite und rechtwinklig geknickte Kadetrinne durchfuhren letztes Jahr 55.000 Schiffe, jedes sechste ein Tanker. Die neun Kilometer breite Fahrrinne am Belt passierten 38.000 Schiffe, jedes vierte ein Tanker. Laut Prognosen der dänischen Tunnelbaufirma Femern AS wird der Verkehr im Belt bis 2030 auf 80.000 Schiffe steigen. Die Zahl der Tanker dürfte vor allem deshalb stark zunehmen, weil Russland mehr Öl über seinen Ostseehafen Primorsk verschiffen will. Statt jährlich 350 Tankern könnten dort bald 1200 abgefertigt werden, fürchtet Nautiker Rohweder. Zusätzlich riskant wird die Schifffahrt im Belt dadurch, dass Schlepper während des Tunnelbaus regelmäßig riesige Betonteile für den Absenktunnel durch die Meerenge manövrieren werden.

Käme es tatsächlich zu einem Ölunfall, hätte der in der Ostsee besonders schlimme Folgen: Da sie sauerstoffarm ist, kann sie Öl nur langsam abbauen. „Ein schwerer Ölunfall“, warnt Experte Rohweder in einem Artikel für die Zeitschrift Marineforum, „hätte verheerenden Einfluss auf das Ökosystem Ostsee und würde die negativen Folgen, wie sie nach dem Unfall der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko aufgetreten sind, bei Weitem und für Jahrzehnte übertreffen.“

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sieht daher durchaus Handlungsbedarf, wie aus der Antwort seines Staatssekretärs Ferlemann auf eine Anfrage der Grünen Wilms hervorgeht. So habe sich der Bund zuletzt stets für eine Lotspflicht in der Kadetrinne eingesetzt, schreibt Ferlemann. Dazu wäre allerdings „eine gemeinsame Initiative der Ostsee-Anrainerstaaten erforderlich, wozu die Mehrheit bislang nicht bereit ist“. Allen voran Russland ist dagegen. Ein Überholverbot im Fehmarnbelt werde „noch geprüft“. Jedoch könne auch das „nur im Einklang mit dem Völkerrecht“ werden. Wilms sagt dazu hingegen: „Über verkehrsregelnde Maßnahmen kann die Bundesregierung allein entscheiden.“

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erstellt am 06.Aug.2015 | 19:27 Uhr

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