Nordelbische Kirche : Kein Verfahren nach Missbrauch von Ahrensburg

Bischof Gerhard Ulrich: 'Es ist ein bleibender Schatten auf Nordelbien gefallen.' Foto: shz
Bischof Gerhard Ulrich: "Es ist ein bleibender Schatten auf Nordelbien gefallen." Foto: shz

Der Skandal hat die Kirche im Norden erschüttert. Ein Ahrensburger Pastor hatte in der Vergangenheit Kinder missbraucht. Bischof Ulrich räumt Versagen ein.

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20. Mai 2011, 08:48 Uhr

Kiel | Als Mitte vergangenen Jahres herauskam, dass der Ahrensburger Pastor Gert Dietrich Kohl in den 1970er und 80er Jahren Jungen und Mädchen sexuell missbraucht hatte, ahnte noch niemand, dass es sich zum größten Missbrauchsfall in der evangelischen Kirche entwickeln würde, über den Bischöfin Maria Jepsen stolperte und der eine Pröpstin in Misskredit brachte. Gestern zog die Nordelbische Kirche Bilanz und räumte "Mängel in der Dienstaufsicht" auf allen kirchlichen Ebenen ein.
Eine Ahrensburgerin, die als 16-Jährige von Kohl missbraucht worden war, brachte den Fall im März 2010 ins Rollen. Sie hatte sich bereits 1999 an die Kirche gewandt. Damals gab es ein Gespräch mit Pröpstin Heide Emse, bei dem der Pastor den Missbrauch eingestanden habe. Emse ließ ihn versetzen, informierte den Kirchen- und Kirchenkreisvorstand sowie das Kirchenamt und nach eigenem Bekunden auch die Bischöfin - allerdings alles nur mündlich. Das habe "weder der Tragweite des Falles noch den Grundsätzen einer ordnungsgemäßen Verwaltung entsprochen", so Ulrich jetzt. Die Vorgänge seien heute "nicht mehr genau rekonstruierbar", weil Emse die Gespräche nicht - wie vorgesehen - protokolliert habe. Die Dienstaufsicht durch den Kirchenkreis und das Kirchenamt habe nicht so funktioniert, wie es hätte sein sollen, sagte Ulrich. Dass gegen den heute 73-jährigen Kohl 1999 kein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde, sei "schlimm und falsch" gewesen.
"Kein geeignetes Mittel für Sühne, Vergeltung oder Strafe"
Trotzdem ist die Kirchenleitung jetzt nicht der Empfehlung eines externen Gutachters gefolgt, gegen die damals verantwortliche und inzwischen pensionierte Pröpstin Emse ein Disziplinarverfahren einzuleiten - was im schlimmsten Fall zu einer Streichung der Pension geführt hätte. Es gebe "keine Hinweise", dass Emse die Taten des Pastors verschleiert habe, sagte Ulrich. Vielmehr habe sie "energisch seine Versetzung betrieben". Strafrechtlich seien die Taten des Pastors aus den 1970er und 80er Jahren ohnehin verjährt, und ein kirchliches Disziplinarverfahren gegen Emse sei "kein geeignetes Mittel für Sühne, Vergeltung oder Strafe". Ende 2010 hatte der bereits pensionierte Pastor um Entlassung aus dem Dienst gebeten und kam damit einer drohenden Entfernung aus dem Dienst zuvor.
"Das Leid der Opfer berührt mich zutiefst", sagte Ulrich. Ihnen sei schweres Unrecht geschehen. Die Kirche habe eine "bleibende Schuld" auf sich geladen, weil in ihrem Raum solche kriminellen Taten geschehen konnten und sie nicht stärker auf Sig nale und Rufe der Opfer gehört habe. Er entschuldigte sich dafür, dass Opfer den Eindruck gewinnen konnten, die Kirche habe sich mehr um den Täter gekümmert als um sie. Inzwischen seien Präventionskonzepte und Verfahrensgrundsätze (sofortige Strafanzeige, Bildung eines Krisenstäbe) entwickelt worden, damit so etwas nicht wieder passieren kann. "Jeder Missbrauch berührt den Kern unseres Auftrags, die vor Gott unantastbare Würde jedes Menschen zu wahren und zu schützen", sagte Ulrich. Anselm Kohn vom Verein "Missbrauch in Ahrensburg" zeigte sich enttäuscht. "Mauern, mauern, mauern", laute das Motto der Kirche . Die Nichteinleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Emse sei "bitter und entspricht dem Bild, das ich von der Kirche in den letzten zwölf Monate gewonnen habe."
(shz, kim)

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