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Wohnungsnot in SH : Kein Platz für die Alten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lebensraum wird in norddeutschen Städten zum hart umkämpften Luxusgut. Die Verlierer stehen bereits fest: die Rentner. „Wenn Mieten schneller steigen als die Einkommen, ist das immer ein Problem“, sagt Jochen Kiersch, Geschäftsführer vom Mieterbund Schleswig-Holstein.

Der Aufstand der Alten hat begonnen: Etwa 20 Hamburger – alle um die 60 Jahre alt – besetzen ein Geschäftshaus. Mitten in Hamburg. Mitten im Stadtteil Ottensen. Sie tragen weder Punk-Frisuren noch zerrissene Hosen. Auch sonst lassen sie sich kaum auf die gängigen Klischees zur Hamburger Hausbesetzer-Szene ein. Doch das wollen sie in diesem Moment sein: Hausbesetzer. Zumindest symbolisch und mit schmerzenden Gelenken. „Wir wollen hier wohnen“, rufen sie.

Das Ansinnen des Projekts „Altersstarrsinn-Wohnkollektiv 50plus“ ist ernst: Sie wollen mehr bezahlbaren Wohnraum für Rentner in den Städten. Denn in Zeiten von Urbanisierung und überschuldeten Kommunen stecken vor allem alte Menschen, die das Erwerbsleben eigentlich schon hinter sich haben, in einem Dilemma: Zwar wären gerade sie oftmals auf die Infrastruktur in den Städten angewiesen, doch dort wird der Wohnraum immer mehr zum Luxus.

Nach Berechnungen des Instituts Kiel Economics im Auftrag des „Manager Magazin“ werden die Preise in diesem Jahr im Schnitt um mehr als zehn Prozent steigen. In Hamburg gab es bereits in den vergangenen Jahren in einzelnen Lagen Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent. Und längst sind nicht mehr nur Deutschlands Metropolen von diesen Entwicklungen betroffen. Auch in vielen anderen Städten in Norddeutschland verschärft sich die Lage, werden Rentner und soziale Schwache verdrängt, machen sich Finanzinvestoren breit – die vor allem von den künftig steigenden Mieten profitieren wollen.

„Wenn Mieten schneller steigen als die Einkommen, ist das immer ein Problem“, sagt Jochen Kiersch, Geschäftsführer vom Mieterbund Schleswig-Holstein. Sein Verband beobachtet die Entwicklung schon seit längerer Zeit mit Sorge. Konkrete Zahlen sind rar, zumal die Situation quer durchs Land betrachtet sehr differenziert ist. Aber einen Hinweis darauf, wie sich die Lage der Rentner zuletzt verschärft hat, gibt es. „Wir haben einen Indikator dafür“, so Kiersch. Wohngeldzahlungen im Land seien ihm zufolge rückläufig. Zunächst möge dies den Schluss nahe legen, dass auf Schleswig-Holsteins Miet- und Wohnungsmarkt alles in Ordnung sei, erklärt Kiersch. Seine Interpretation der Zahlen ist jedoch eine andere: „Dieser Rückgang ist darauf zurückzuführen, dass die Mieten zu hoch werden.“ Für Wohngeldanträge seien sie dann nicht mehr geeignet. Das Wohngeld würde nicht angepasst. So weist die Stadt Kiel als geförderten Höchstmietbetrag für eine Single-Wohnung etwa 385 Euro aus.

Gründe für die Entwicklung gibt es viele. Kiersch kritisiert vor allem die schwindende Zahl von Sozialbauwohnungen. Früher habe es ihm zufolge 220.000 öffentlich geförderte Wohnungen im Land gegeben. Inzwischen seien es noch rund 64.000. „Damit geht dem Staat auch ein Instrument verloren, um den Wohnungsmarkt zu lenken“, betont er. Am 30. Juni des kommenden Jahres wird sich der Bestand dieser Wohnungen nochmals verringern. 15.000 Wohnungen werden dann aus der Mietpreis-Bindung fallen. Um Druck aus dem Markt zu nehmen, wären jedoch aus Sicht des Mieterbundes insgesamt etwa 120.000 öffentlich geförderte Wohnungen vonnöten. Wo sich der Staat aus dem Wohnungsmarkt zurückzieht, haben sich zuletzt Finanzinvestoren im Norden breit gemacht. Laut Kiersch sei Schleswig-Holstein dabei deutschlandweit mit am stärksten betroffen. 60.000 Wohnungen seien hier in den Händen von Finanzinvestoren, die Kiersch als das „Krebsgeschwür am Wohnungsmarkt“ brandmarkt. Sie seien lediglich interessiert an der Rendite durch Mieterhöhungen, hätten aber als mittelfristiges Ziel den Wiederverkauf. Investitionen würden so oft unterbleiben.

Immer öfter sind Rentner als Mieter auch generell unerwünscht, selbst dort, wo das Sozialamt für die Miete einspringt. „Ich höre das auch schon raus“, sagt Victoria Todt vom Sozialverband VDK Nord mit Blick auf ihre Beratungsgespräche in Itzehoe. Früher sei dies gänzlich anders gewesen. Inzwischen könne man schon den Eindruck haben, dass bestimmte Mieter nicht erwünscht seien, da sich mit ihnen die Mieten nicht mehr nach Belieben erhöhen ließen. Wo die Mieten von Jobcentern und Sozialämtern überwiesen werden, seien Mieterhöhungen im Zweifelsfall schwieriger durchzusetzen.

Steigende Kaltmieten sind aber nur die eine Seite der Medaille. Nebenkosten die andere. Der Immobilienverband IVD Nord weist etwa in seinem jüngsten Bericht zur Wohnungsmarkt-Situation in Schleswig-Holstein darauf hin, dass die Erhöhung der Warmmieten „vorwiegend aus den gestiegenen Energiekosten“ resultiere. Diese hätten sich – Strom nicht mitgerechnet – von 2010 bis 2012 um 112 Prozent erhöht. Die letzte angekündigte Rentenerhöhung liegt in Westdeutschland bei gerade einmal 0,25 Prozent. „Es macht sich durchaus bemerkbar, wenn Rentner, die lange mit ihrer bescheidenen Rente hingekommen sind, auf einmal in die Bedürftigkeit kippen“, berichtet dann auch VDK-Nord-Geschäftsführerin Todt.

Während der vergangenen fünf Jahre ist der Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Einkommen in vielen Teilen Norddeutschlands immer weiter gestiegen, wie ein aktueller Index des Vergleichsportals Immobilienscout24 zeigt (siehe Grafik links). In Kiel werden so beispielsweise 17,4 Prozent fällig, im Kreis Nordfriesland 17,2 Prozent. Diese Werte wachsen jedoch sehr rapide an, wenn das Einkommen unter die jeweiligen Durchschnittswerte sinkt. So hatte dann bereits Ende vergangenen Jahres das Forschungsinstitut TNS-Infratest errechnet, dass jemand, der ein Einkommen von unter 1000 Euro hat, 43 Prozent des Geldes für seine Wohnkosten aufwenden muss. Die durchschnittliche Rente in Schleswig-Holstein lag nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung Ende des vergangenen Jahres bei gerade einmal 704,07 Euro.

Die eher symbolische Besetzung des Hamburger Gebäudes ist nicht die erste ihrer Art. Vergangenes Jahr verhinderten Renter in Berlin durch die Besetzung einer Begegnungsstätte deren drohendes Aus. Gut möglich, dass Rentner künftig häufiger zum Aufstand bereit sind. Denn jeder fünfte Deutsche ist 65 Jahre alt – oder älter. Und auch jenseits steigender Mieten ist der Wohnungsmarkt im Norden kaum auf die Alten vorbereitet. So schätzt das Pestel-Institut für Systemforschung den Bedarf an barrierearmen – das heißt, altersgerechten – Wohnungen in Schleswig-Holstein auf mindestens 88.000. Die Experten aus Hannover gehen allein für Kiel und Lübeck von einem zusätzlichen Bedarf von mehr als 12.000 Wohnungen in den kommenden Jahren aus.

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erstellt am 06.Okt.2013 | 13:34 Uhr

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