Wildbrücken-Stopp : Kein Herz für Tiere

Seitenwechsel: Grünbrücken wie an der A20 bei Strukdorf erlauben Wildtieren das gefahrlose Überqueren von Autobahnen - doch Minister Ramsauer findet Umgehungsstraßen jetzt wichtiger.
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Seitenwechsel: Grünbrücken wie an der A20 bei Strukdorf erlauben Wildtieren das gefahrlose Überqueren von Autobahnen - doch Minister Ramsauer findet Umgehungsstraßen jetzt wichtiger.

Naturschützer und ADAC im Norden sind empört: Verkehrsminister Ramsauer stoppt den Bau von Wildbrücken über Autobahnen.

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05. Juni 2011, 02:01 Uhr

Kiel/Berlin | Die Hirsche in Schleswig-Holstein haben es nicht leicht. Immer mehr Autobahnen durchschneiden das Land und grenzen die Reviere des Rotwilds ein. Bald wächst die A20 weiter in Richtung Westen, wodurch eine neue Barriere entsteht. Da ist es gut, dass die Bundesregierung im Koalitionsvertrag versprochen hat, die zertrennten Lebensräume von Wildtieren wieder zu verbinden und "ein Programm für den Bau von Querungshilfen zu erarbeiten". Gemeinsam mit Naturschützern hat sie dazu eine Liste mit mehr als hundert kritischen Punkten an Deutschlands Schnellstraßen aufgestellt, an denen sie in den nächsten Jahren Grünbrücken oder Unterführungen fürs Wild einrichten will. 18 Brücken sind schon fertig oder in Arbeit.
Die schlechte Nachricht ist: Dabei soll es nun plötzlich bleiben. Zum Entsetzen der Umweltverbände hat Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) jetzt die Pläne für weitere 95 Grünbrücken gestoppt, darunter auch drei in Schleswig-Holstein. "Bei Abwägung der extrem knappen finanziellen Mittel bin ich der Meinung, dass manche Ortsumfahrung zunächst wichtiger ist als der Bau von 95 Grünbrücken über Autobahnen", begründet er den Schritt. Fünf Millionen Euro kostet eine Wildbrücke ungefähr - damit lassen sich durchschnittlich zwei Kilometer Umgehungsstraße bezahlen. "Ich bin ein zutiefst naturverbundener Mensch", sagt Ramsauer. "Aber ich sehe mich zu solchen Dingen gezwungen".
"Die Inzucht beim Rotwild nimmt zu"
Die Naturschützer protestieren gegen das Vorgehen des Ministers. "Der Grünbrücken-Stopp gefährdet Autofahrer und Wildtiere", wettern gleich drei Verbände unisono. Für Schleswig-Holstein sind die Kürzungspläne doppelt ärgerlich: Zum einen entgehen dem Land nicht nur drei neue Grünbrücken über die A24 bei Möhnsen und Tramm sowie über die A21 bei Tralau. Vielmehr fallen wohl auch weitere Schutzprojekte weg, die Umweltverbände und Regierung in ihrer Liste vereinbart haben - wie der Umbau einiger Wirtschaftswege oder Militärstraßen zu grünen Querungshilfen.
Zum anderen treten gerade in Schleswig-Holstein bereits erkennbare Folgen der zunehmenden "Verinselung" von Revieren auf, wie Jäger es nennen. "Die Inzucht beim Rotwild nimmt zu", berichtet Marcus Börner vom Landesjagdverband. So gebe es im Forst Hasselbusch bei Norderstedt immer mehr Hirsche mit verkürztem Unterkiefer - "eine Auswirkung der Inzucht", sagt Börner. Gleiche Probleme befürchten die Jäger auch im Lauenburgischen nördlich und südlich der A24, wenn dort nicht neben der im Bau befindlichen Grünbrücke bei Gudow auch noch die beiden anderen errichtet werden. Ramsauer verspottet das Argument als "Realsatire" und sagt: "Ich könnte so etwas gar nicht erfinden."
Mehr als 14.000 Wildunfälle jährlich allein in Schleswig-Holstein
Doch stößt der Minister mit seinen Kürzungsplänen nicht nur bei Tierschützern auf Kritik, sondern auch beim Automobilclub ADAC. "In Schleswig-Holstein hatten wir zuletzt mehr als 14.000 Wildunfälle im Jahr, Tendenz steigend - da wäre es natürlich schlecht, wenn die Grünbrücken nicht kommen", sagt Hermann Fedrowitz vom ADAC Schleswig-Holstein. Allerdings hält er auch neue Umgehungsstraßen für wichtig. Genau wie die Naturschützer fordert der ADAC daher von Ramsauer, "Ortsumgehungen und den Bau von Grünbrücken nicht gegeneinander auszuspielen".
Einen Trost gibt es für Schleswig-Holstein: Die geplanten Wildbrücken an der Fortsetzung der A20 und nahe des neuen Kreuzes mit der A7 werden auf jeden Fall errichtet. Denn sie gehören bei dem Autobahn-Neubau zu den vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen zugunsten des Naturschutzes.
(shz, bg)

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