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Pilze im Wald : „Kann man die auch essen?“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Giftpilz oder Delikatesse – die Nachfrage nach Fortbildungen im Wald ist so groß wie nie zuvor. Gleichzeitig steigt die Zahl der Anrufe bei den Giftinformationszentralen.

Das Rezept hat Karin Krause schon. Die Rendsburgerin hat extra einen großen Korb auf ihre erste Pilzlehrwanderung in den Wald bei Lohe-Föhrden (Kreis Rendsburg-Eckernförde) mitgebracht, denn heute Abend will sie für sich und ihren Mann Stefan eine neue Pilz-Quiche zubereiten. Doch noch fehlen die Zutaten dazu – aber die wollen die Krauses aus dem Wald holen. „Hier stehen eine ganze Menge“, ruft Stefan Krause, deutet auf ein paar glibbrig-gelbe Pilze – und stellt gleich die entscheidende Frage hinterher: „Kann man die auch essen?“

Diese Frage kann nur Sönke Lettau beantworten, der seit Jahrzehnten Pilzlehrwanderungen veranstaltet, um den Teilnehmern die Geheimnisse des Waldes nahe zu bringen. „Die Nachfrage war noch nie so hoch wie heute. Ich und meine wenigen Kollegen in Schleswig-Holstein könnten viel mehr Exkursionen anbieten“, sagt der Maschinenbauingenieur aus Busdorf bei Schleswig, der in der Mykologische Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein aktiv ist und das Wissen um die Pilze einst von seinem Großvater vermittelt bekam.

Doch bei vielen Menschen wird die Pilzkunde nicht mehr über die Generationen weitergegeben. Viele hätten durch die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986 Angst vor radioaktiv verseuchten Pilzen gehabt, sagt Lettau. „Doch das ist jetzt weitgehend vorbei.“ Heute gebe es einen Trend zurück zur Natur, viele Menschen wollten wieder genauer sehen, wo ihre Lebensmittel herkommen. „Klar ist das so“, sagt Karin Krause. „Wir gehen gern spazieren, da wollen wir auch Pilze sammeln“, sagt die 47-Jährige, die nur aus ihrer Jugend grob Steinpilze, Maronen und Pfifferlinge unterscheiden kann. Nun will sie bei der Pilzlehrwanderung sicher gehen, dass sie nicht versehentlich giftige Pilze einsammelt. Wegen des Pilzbooms zu dieser Jahreszeit hat das Giftinformationszentrum Göttingen, das für Schleswig-Holstein zuständig ist, allein im September 80 Anrufe registriert – doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Rein wettertechnisch könnte es ein gutes Pilzjahr werden. Die Lust auf Pilze ist groß, das Wissen meist klein. Auch in Lohe-Föhrden kann kaum einer der Teilnehmer Sönke Lettaus genauen Beschreibungen folgen, bei den vielen Pilzen, die der Experte bestimmt. Faustregeln gebe es kaum, man könne nicht allein nach Farbe und Geruch gehen, sagt der 47-Jährige und tippt auf einem besonders kleinen Exemplar herum. Stefan Krause hätte den nicht mitgenommen. Doch der Lacktrichterling sei sogar als violette Variante essbar, erklärt Lettau. „Man muss die Pilze kennen und sich dabei sicher sein.“

Manche Teilnehmer des Lehrganges nicken interessiert, einige schreiben mit. „Ich will hier ja was lernen, damit ich nächstes Mal selbst Pilze sammeln kann“, sagt Dennis Kahlisch aus Schacht-Audorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde), der eifrig Namen und Merkmale notiert. „Doch wenn ich Pilze aus dem Wald hole, werde ich sie – bevor ich sie esse – auf jeden Fall nochmal jemandem zeigen, der sich damit auskennt.“ Ein Rat, den auch Lettau den anderen Teilnehmern gibt. Denn bei 4100 Arten in Schleswig-Holstein kann auch der kundige Sammler mal daneben liegen, schließlich können Pilze im Laufe von Tagen ihr Aussehen, Farbe und den Geruch erheblich verändern.

Stefan Krause will es jetzt jedenfalls wissen. Er hält Sönke Lettau seinen eben in großen Massen gefundenen Pilz unter die Nase. „Tja, früher war der mal essbar, ist jetzt aber auf der Liste der giftigen Pilze gelandet“, sagt Lettau. Denn der Kahle Krempling sondere Gift ab, das erst nach mehrmaligem Verzehr, manchmal erst nach Jahren für den Menschen gefährlich und sogar tödlich wirken kann. „Manche ältere Pilzsammler wollen den trotzdem essen, weil sie es von früher gewohnt sind, aber ich kann nur abraten“, sagt Lettau und schmeißt die Pilze in den Wald zurück.

Karin Krause schaut etwas bedröppelt. „Hat denn irgendjemand hier schon Steinpilze gefunden?“, fragt ihr Mann in die Runde – aber niemand antwortet. „Die Jahreszeit ist aber richtig und in den letzten Tagen war es schön feucht, da dürfte es keine Probleme geben, welche zu finden“, sagt Sönke Lettau. „Zumindest Maronen müsste es eine ganze Menge geben.“ Karin Krause schaut in ihren großen Korb, in dem nur drei kleine Exemplare des Speisepilzes liegen. Aber der Hunger auf Natur und Pilze treibt sie weiter. Schließlich will sie heute unbedingt noch ihre Pilz-Quiche zubereiten.

Die Giftnotzentrale ist rund u die Uhr unter der Telefonnummer 0551-19240 erreichbar.

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erstellt am 15.Okt.2013 | 11:13 Uhr

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