Weltkriegsmunition : Kampfmittelräumdienst in SH mit deutlich mehr Einsätzen

Übungsmaterial: An diesen Fliegerbomben trainiert Oliver Kinast sein Entschärfer-Team.
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Übungsmaterial: An diesen Fliegerbomben trainiert Oliver Kinast sein Entschärfer-Team.

Knapp 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg besteht die Explosionsgefahr durch Blindgänger real weiter.

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13. Dezember 2014, 10:40 Uhr

Felde | Schleswig-Holsteins Kampfmittelräumer haben in diesem Jahr deutlich mehr Fliegerbomben entschärfen müssen. „Bislang haben wir 57 Bomben beseitigt“, sagte der Leiter des Kampfmittelräumdienstes, Oliver Kinast. Im Vorjahr waren es lediglich 39.

Die Bilanz der Experten aus Felde (Kreis Rendsburg-Eckernförde): Sie rückten zu diversen Einsätzen aus, bei denen sie insgesamt 32 Minen, Torpedos und Wasserbomben (2013: 97) sowie 21 Großbomben (2013: 16) unschädlich gemacht wurden.

Ein wesentlicher Grund für die hohe Zahl ist der seit Jahren anhaltende Bauboom im Land. „Die Zahl der Bombenentschärfungen im Land steigt an“, sagte Kinast. Wer in Kiel oder 167 anderen Kommunen im Land in die Tiefe bauen will, muss zuvor Luftbilder aus dem Krieg hinsichtlich möglicher Altlasten auswerten lassen. Weil vieles bereits abgearbeitet ist, wird die Zahl der Kommunen, für die das gilt, im kommenden Jahr voraussichtlich auf 100 sinken. In diesem Jahr haben die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes insgesamt rund 2700 entsprechende Anträge abgearbeitet.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes haben alliierte Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg etwa 45.000 Tonnen an Bomben über Schleswig-Holstein abgeworfen. „Insgesamt wurden alleine auf Kiel 90 bis 100 Angriffe geflogen“, sagte Kinast. Die Stadt mit ihren militärpolitisch wichtigen Werften bekam allein 30.000 Tonnen ab. Aber längst nicht alle Bomben detonierten. „Bis zu ein Fünftel davon waren Blindgänger“, sagt Kinast. Zu den Hotspots gehörten neben Kiel vor allem Lübeck und Neumünster, aber auch Bad Oldesloe, Brunsbüttel, Geesthacht oder Hemmingstedt mit seiner Raffinerie sowie Helgoland waren Ziel der Bomberangriffe.

Ein Teil der Altlasten liegt noch immer unter der Erde. „Wie viele Blindgänger es noch sind, weiß niemand“, sagte Kinast. Sowohl während des Zweiten Weltkrieges als auch in der Nachkriegszeit wurde über Bombenräumungen kein Buch geführt. Allein auf Helgoland haben die Experten mittlerweile rund 2500 Bomben entschärft. „Deutlich über drei Viertel aller Blindgänger haben wir dort bislang beseitigt“, sagte Kinast.

Für den 47-Jährigen und seine 34 Mitarbeiter gleicht die Arbeit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Kiel ist laut Kinast aus Sicht eines Bombenentschärfers aber nicht nur wegen der Anzahl der Blindgänger ein schwieriger Ort. „Wegen der Wohnraum-Knappheit hat man nach dem Krieg alles direkt auf dem Schutt wieder aufgebaut. Das zerstörte Kiel liegt direkt unter der jetzigen Stadt.“ Das erschwere die Suche, denn Blindgänger lägen heute teilweise in mehr als sechs Metern Tiefe.

Knapp 70 Jahre nach Kriegsende besteht die Explosionsgefahr durch Blindgänger real weiter: „Wir haben in Deutschland jedes Jahr statistisch eine Selbstdetonation durch eine Fliegerbombe“, sagte Kinast. Bislang sei dies in den meisten Fällen aber außerhalb von Städten passiert. Detoniere eine Bombe etwa in zwölf Metern Tiefe, treten an der Oberfläche zwar Risse an Häusern auf. „Es würde aber nicht sofort jeder auf eine Bombe als Auslöser kommen.“

Im Norden ist aus der Vergangenheit der Fall einer an der Westküste von selbst detonierten Riegelmine bekannt. „Da hat es mal ein Gewächshaus zerstört“, sagte Kinast. Den größten Aufwand hatten die Experten des Landeskriminalamtes in diesem Jahr bei der Sprengung einer Fliegerbombe im April in Wesselburen (Kreis Dithmarschen). „Der Einsatz war für uns am gefährlichsten“, sagte Kinast. Zum Schutz angrenzender Gebäude mussten die Kampfmittelräumer große Wassertanks aufstellen. „Das hat gut funktioniert: Letztendlich wurden nur drei Dachziegel beschädigt.“

Kinast selbst musste als Entschärfer auf Helgoland im Oktober eine knifflige Situation überstehen: Beim Herausdrehen des Zünders war die Zündnadel im Detonator stecken. „Das hätte gut gehen können oder auch nicht.“

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