Tierschutz : Kampf um das Glück der Elefanten im Zirkus

Betäubt und abtransportiert:    Dickhäuter  'Chitana' - hier mit Pony 'Max' auf Werbetour in Neumünster im Frühjahr. Foto: Ziehm
Betäubt und abtransportiert: Dickhäuter "Chitana" - hier mit Pony "Max" auf Werbetour in Neumünster im Frühjahr. Foto: Ziehm

Gehören Exoten in die Manege oder nicht? beim Zirkus "Las Vegas" wurde ein Elefanten mit einem Kran abtransportiert. Tierschützer und Zirkusse bekämpfen sich.

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15. Juni 2013, 11:44 Uhr

Kiel | Es war ein außergewöhnlicher Vorgang: Am Morgen des 8. Mai umstellten 60 Polizisten den Zirkus "Las Vegas" in Norderstedt (Kreis Segeberg). Die Zirkusfamilie musste in ihren Wagen bleiben, während Veterinäre die Elefantendame "Chitana" betäubten und das 28 Jahre alte Tier mit einem Kran auf einen Transporter heben ließen. Auch zwei Löwen und zwei Tiger wurden im Auftrag der Kieler Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Um die fünf Tiere dem Zugriff ihrer Besitzer zu entziehen, wurden sie in einen belgischen Zoo gefahren.
Selten zuvor haben Behörden gegen eine Zirkusfamilie so scharf durchgegriffen, entsprechend emotional waren die Reaktionen: In Kiel protestierten über 200 Zirkusdirektoren und Dompteure aus ganz Deutschland gegen die Aktion, es gab tumultartige Auseinandersetzungen mit Tierschützern.

Verhaltensstörungen und Krankheiten

In dem Streit geht es nicht allein um den Einzelfall, sondern um eine Frage: Sind Exoten in der Manege noch zeitgemäß? In 15 europäischen Ländern, darunter Schweden, Finnland, Dänemark und Österreich ist die Haltung von Wildtieren in Zirkussen teilweise oder ganz verboten. In Deutschland scheiterten allerdings gleich zwei Bundesratsinitiativen dazu. Die Bundesregierung kam Vorstößen der Länder 2003 und 2011 nicht nach. "Es gibt Damen und Herren in der CDU, die der tierausbeuterischen Lobby nahestehen", sagt Diplom-Zoologe und Wildtierexperte Peter Höffken von der Tierschutzorganisation Peta.
"Das Kieler Umweltministerium hält es nach wie vor für richtig, die Haltung von Wildtieren in Zirkussen zu verbieten", erklärt Sprecherin Nicola Kabel. Der Bundesrat habe bereits 2011 festgestellt, dass für bestimmte Tierarten eine artgerechte Haltung in Zirkussen systemimmanent nicht möglich sei. Dabei ging es um Transport, Unterbringung und Dressur, die zu Verhaltensstörungen, Krankheiten und Todesfällen führten und auch durch strengere Anforderungen an die Haltung nicht verändert werden könnten. "Jetzt ist es an der Zeit, dass die Bundesregierung sich endlich bewegt", sagt Kabel.

"Einfühlsame Tierkenner"

Diplom-Zoologe Peter Höffken glaubt nicht daran, dass Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in dieser Sache noch etwas bewegen will. "Bei der kommenden Bundestagswahl sollte jeder darüber nachdenken, ob die von ihm gewählte Partei sich für den Tierschutz stark macht", meint er.
Doch geht es den Tieren im Zirkus wirklich so schlecht? Der Freiburger Verhaltensbiologe Immanuel Birmelin hat bei Löwen die Stresshormone nach Transporten gemessen und keine Auffälligkeiten festgestellt. Er sagt: Verglichen mit Zoos seien die Tiere im Zirkus glücklicher. Sie würden beschäftigt, unterhalten und körperlich fit gemacht. "Die Zirkusleute sind einfühlsame Tierkenner und große Tierfreunde. Im Zirkus habe ich Sternstunden der Mensch-Tier-Kommunikation erlebt. Die Leute lieben ihre Tiere - und ihre Tiere lieben sie."

Geld für gutes Futter ist knapp

Ein gewichtiges Argument der Gegner von Exoten in der Manege ist, dass viele Zirkusse eine gute Versorgung der Tiere nur schwer gewährleisten könnten. So sagt Peter Höffken: "Viele sind kleine Familienunternehmen, die gerade genug Geld haben, um die Menschen über Wasser zu halten. Für gutes Futter und für Tierärzte ist es knapp." Und die Amtsveterinäre, die für die Kontrollen zuständig seien, schwiegen oft - aus Angst. "Wir haben in Zirkusbetrieben schon extreme Gewaltbereitschaft erlebt, wenn es um die Tiere ging."
Im Fall des Zirkus "Las Vegas" war die Initiative für die Beschlagnahme allerdings vom Segeberger Veterinäramt ausgegangen. "Elefantendame ,Chitana hat die Befreiung das Leben gerettet", glaubt Höffken. Nach Angaben von Peta lebte das Tier in Einzelhaltung, was bei Elefanten, die sehr soziale Tiere seien, verboten ist. "Chitana" sei auch stark untergewichtig gewesen. Nach Informationen unserer Zeitung soll sie außerdem an Erfrierungen der Ohren leiden, eine Folge des kalten Winters. Und einem der Löwen soll der Schwanz regelrecht abgefault sein. Die Kieler Staatsanwaltschaft bestätigt das nicht. "Wir ermitteln gegen die Verantwortlichen", sagt Oberstaatsanwältin Birgit Heß lediglich. Klar aber ist: Sachverständige prüfen derzeit, welche Schäden die Tiere durch eine möglicherweise nicht artgerechte Haltung erlitten haben.

Elfantendame "Chitana" hat eine Herde

Liane Köllner, Direktorin des Zirkus "Las Vegas", der in der 7. Generation geführt wird, weist die Vorwürfe zurück: "Wir lieben unsere Tiere und haben immer alle Auflagen erfüllt." So habe Elefantendame "Chitana", die mit ihrem Trainer von einem anderen Zirkus ausgeliehen worden sei, dort eine Herde. "Doch auch bei uns ging es ihr prächtig." Ihre Bezugsperson sei ihr Trainer, und der fehle ihr in Belgien sehr. "Auf Fotos aus dem Zoo sehen wir, wie ,Chitana jetzt leidet." Die Wildkatzen seien mit der Flasche großgezogen worden. "Der Schwanz von Löwin ,Sonja ist vom Tierarzt amputiert worden, nachdem er sich entzündet hatte."
Liane Köllner gibt zu, dass es nicht leicht ist, einen Zirkus am Laufen zu halten. "Ich kann mich noch erinnern, als ich klein war, da war ein Zirkus eine Attraktion, zu der die Menschen strömten", sagt sie. Mittlerweile sei es viel schwieriger, die Zuschauer ins Zelt zu locken. Zudem müsse ihr Familienbetrieb gegen immer höhere Kosten anwirtschaften.

"Wir leben nur für unsere Tiere"

Heute reisen die Menschen in ferne Länder - zu den Tieren. Braucht ein Zirkus also noch Exoten oder muss er sich neu erfinden? "Welches Bild vermitteln wir unseren Kindern, wenn wir ihnen dressierte Wildtiere zeigen?", fragt Tierschützer Höffken. Das habe einen zweifelhaften Unterhaltungswert. Er plädiert dafür, neue Ideen zu entwickeln. "Es gibt ja Zirkusse, die auch ohne Tiere großen Erfolg haben."

"Wer so argumentiert, kann auch gleich alle Zoos abschaffen", entgegnet Direktorin Köllner. Kinder liebten die Tiere und für die 200 Familienunternehmen in Deutschland seien sie nicht irgendein Posten in der Bilanz. "Wir leben nur für unsere Tiere." Der Zirkus "Las Vegas" hat gegen die Beschlagnahme Widerspruch eingelegt. Über die endgültige Einziehung wird nun in einem Prozess entschieden.

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