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Flüchtlingskrise in Dänemark : „Jydske Vestkysten“: Flüchtlingskinder aus überhitztem Zug in Rødby geholt

vom

Von Lübeck wollten mehrere Hundert Flüchtlinge nach Schweden reisen, doch in Dänemark ist vorerst Schluss.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2015 | 15:17 Uhr

Lübeck/Rødby | Die dänische Polizei hat an den Grenzen weitere Züge mit aus Deutschland ankommenden Flüchtlingen angehalten und an der Weiterreise nach Schweden gehindert. In Rødby auf der Insel Lolland kamen 230 Flüchtlinge an, die am Dienstagabend von Lübeck aus nach Dänemark mit dem Zug aufgebrochen waren. Am späten Nachmittag stoppte die dänische Bahn den Zugverkehr zwischen Deutschland und Dänemark.

Trotz fehlender Papiere hatte Schleswig-Holsteins Polizei Flüchtlinge nach Dänemark weiterreisen lassen. Sie hatten sich nach dem Stopp ihres ICE in Lübeck geweigert, in eine hiesige Erstaufnahmeeinrichtung gebracht zu werden. Der Bahnhof war tagsüber zeitweise gesperrt worden.

Auf der Fähre, die im Hafen der Stadt Rødby auf der Insel Lolland ankommt, bleiben viele im Zug sitzen, weil sie nicht in Dänemark erfasst werden wollen. Sie halten selbstgemalte Schilder von innen vor die Zugfenster. Darauf steht: „Not Denmark“ - „Nicht Dänemark“.

Die dänische Zeitung „Jydske Vestkysten“ berichtet in ihrer Onlineausgabe, dass die Polizei Flüchtlingskinder aus dem heißen Zug geholt habe. „Die Migranten, die im Zug sind, weigern sich, Nahrung und Wasser entgegen zu nehmen, weil sie nichts mit der dänischen Polizei zu tun haben wollen“, berichtete eine Fotografin der Zeitung. „Mehrere Kinder drohten in dem heißen Zug zu dehydrieren, da der Mitten in der Sonne stand.“ Drei Kinder wurden demnach gegen den Willen ihrer Eltern in ein Krankenhaus gebracht.

Flüchtlinge warten in einem Zug in Rødby.
Flüchtlinge warten in einem Zug in Rødby. Foto: Daniel Friederichs

Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein meldete, die dänische Polizei habe begonnen, zwangsweise die Registrierung mit Personaldaten und Fingerabdrücken der Gruppe von Flüchtlingen aus dem Zug durchzusetzen. Dazu sei der Zug im Hafengelände an einen Ort verlegt worden, der für die zahlreichen Journalisten, die sich inzwischen am Ort des Geschehens in Rødby befinden, nicht einsehbar ist. Seitdem ist eine Gruppe von Unterstützern und Medienvertretern von der Flüchtlingsgruppe getrennt.

Nach Informationen der Lübecker Nachrichten sind offenbar Suchtrupps unterwegs, um 25 bis 30 Flüchtlinge zu finden, die aus dem Zug ausgebrochen sind. Laut Jyllands-Posten handelt es sich um deutsche und dänische Freiwillige, die den Flüchtlingen auf dem Weg nach Schweden helfen wollen.

Viele der Flüchtlinge wollen nicht in Dänemark bleiben, sondern nach Schweden weiterreisen, etwa weil sie dort Verwandte haben und hoffen, ihre Familie leichter nachholen zu können. Das könne die Polizei ihnen jedoch nicht erlauben, sagte eine Sprecherin.

Gegen 15 Uhr kamen weitere Flüchtlinge in Puttgarden an. Die insgesamt 54 Flüchtlinge haben den Zug verlassen und wurden mit von der Landepolizei organisierten Bussen zur neuen Landesunterkunft Putlos gebracht. Die Menschen ließen sich mit Hilfe von Dolmetschern vom Unterbringungsangebot der Polizei überzeugen.

Wegen der vielen Flüchtlinge lag zwischenzeitlich eine Fähre in Rødby im Hafen, zwei weitere warteten davor. „Hier ist heute nichts normal“, sagte ein Mitarbeiter am Schalter in Puttgarden.

Das Lübecker Flüchtlingsforum sieht die Hansestadt Lübeck weiterhin in der Verantwortung für die Flüchtlinge. Sie hätten sich auf die Zusicherung des Lübecker Innensenators Bernd Möller (Grüne) verlassen, dass eine Lösung gefunden und ihr Transit mindestens bis Kopenhagen sicher sei, sagte Heike Behrens vom Lübecker Flüchtlingsforum am Mittwoch. Möller äußerte sich in einer persönlichen Erklärung bestürzt über die dänische Flüchtlingspolitik. Er habe sich auf das Signal der Landespolizei verlassen, der Zug mit den Flüchtlingen werde auf dem Weg nach Kopenhagen nicht aufgehalten werden.

Dänemarks Integrationsministerin Inger Støjberg hatte sich am Dienstag vergeblich um ein Sonderabkommen mit Schweden bemüht, um die Menschen in das Nachbarland weiterschicken zu können. „Die schwedische Regierung hat keine rechtliche Befugnis, eine solche Vereinbarung zu treffen“, sagte ein Sprecher des schwedischen Justizministeriums.

Einige Flüchtlinge verbrachten die Nacht in Rødby im Zug.

Einige Flüchtlinge verbrachten die Nacht in Rødby im Zug.

Foto: Daniel Friederichs

Nach ihrer Ankunft in Rødby werden die Menschen seit Anfang der Woche zunächst in einer Schule in der Havnegade untergebracht. Während Bürger Essen und Kleidung brachten, kam es laut Polizei aber auch zu Zwischenfällen: Demnach sollen einige Demonstranten Steine auf die Neuankömmlinge geworfen haben.

Laut Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein dürfen die 150 Flüchtlinge das Gebäude nicht verlassen und unterliegen einer Kontaktsperre. Journalisten sind der Zugang und Foto- und Filmaufnahmen untersagt. Auch diese Teilgruppe der Lübecker Transitflüchtlinge unterliegt offenbar Zwangsmaßnahmen zur Registrierung durch die dänische Polizei. Wenn die Flüchtlinge sich nicht in Dänemark registrieren lassen wollen, schickt die Polizei sie zurück nach Deutschland. Ansonsten werden sie in einer Unterkunft für Asylbewerber nördlich von Kopenhagen untergebracht.

In den vergangenen Tagen waren mehr als tausend Flüchtlinge über die Grenze nach Dänemark gelangt – viele auf dem Weg nach Schweden. Die neue dänische Regierung fährt eine harte Linie in der Flüchtlingspolitik.

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