Schützenvereine und Gilden : Jugendliche gesucht: Wenn Vereine ausbluten

Den Schützen in Schleswig-Holstein fehlt der Nachwuchs. Foto: Dirk Behm
Den Schützen in Schleswig-Holstein fehlt der Nachwuchs. Foto: Dirk Behm

Viele Vereine in Schleswig-Holstein haben Nachwuchssorgen. Jugendliche haben zwar Interesse an Sport, aber nicht an Aufgaben im Vorstand. Besonders die Schützen klagen - während die Gilden gelassen sind.

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23. Juli 2013, 12:04 Uhr

Bargteheide/Nortorf | Der Name ist nur bedingt Programm bei Rolf-Peter Fröhlich. Denn der Vorsitzende des Schützenvereins Bargteheide und Umgebung (Kreis Stormarn), den es seit über 100 Jahren gibt, muss nun doch noch mal ran. Eigentlich wollte Fröhlich nach 15 Jahren den Vorsitz abgeben, aber weil der Verein in Schwierigkeiten steckt und keinen neuen Vorsitzenden findet, lässt er sich noch einmal in die Pflicht nehmen.
Wie in diesem Schützenverein sieht es in vielen Schießclubs in Schleswig-Holstein aus. "Bei einigen ist die Lage sehr ernst", sagt die Sprecherin des Norddeutschen Schützenbundes, Margrit Kunde. Probleme machen den Vereinen vor allem hohe gesetzliche Anforderungen. "Wir müssen mehr Sicherheitsstandards erfüllen als etwa ein Handball- oder Fußballverein. Und unsere Trainer müssen besondere Kurse besuchen, die erstens teuer sind und zweitens viel Zeit in Anspruch nehmen", sagt Kunde. Ihre Ausbildung habe 1978 noch 120 Stunden gedauert - mittlerweile bekomme man den Trainerschein erst nach 360 Stunden. "Diesen Aufwand scheuen viele." Dazu sei es schwieriger geworden, Leute in den Vorstand zu bekommen, weil die oft beruflich so eingespannt seien, dass sie das Ehrenamt zeitlich nicht mehr wuppen.

Jugendliche zu sehr in der Schule gefordert

Jugendliche zu werben, sei nicht einfach. Zu sehr seien die in der Schule gefordert. "Wenn sie kommen, dann vor allem in gut ausgestattete Sportanlagen. Für die Jugend steht der Sport im Vordergrund, die wollen schießen und sonst nichts", sagt Kunde.
Die Tradition lasse hingegen immer mehr nach, binde immer weniger Menschen an den Verein. Auch die Bevölkerung nehme Schützenfeste nicht mehr so gut an wie früher.

Gilde hat keine Nachwuchssorgen

Das sieht Hubertus Wollny anders. Der Ältermann der Nortorfer Vogelgilde von 1612 aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde hat keine Nachwuchssorgen. "Und schießen tun wir nur einmal im Jahr." Statt dessen gebe es viele gemeinsame Veranstaltungen. "Und es ist immer noch etwas Besonderes, in der Gilde zu sein." Früh hat sich Wollny um die Jugend gekümmert, 1993 eine Junggilde gegründet, in der gezielt Kinder der Gildebrüder von 18 bis 25 Jahren integriert werden. Auch deswegen habe die Gilde seit Jahren stabil 164 Mitglieder. Dazu zahlen die Mitglieder nur einen kleinen Beitrag.
Für viele Geschäftsleute sind gerade auf dem Land Gilden traditionell Kontaktbörsen, wie Gildenschreiber Hubert Hein sagt. "Man kennt immer einen, der einem helfen kann. Und Aufträge werden natürlich eher mal an einen Gildebruder vergeben." Schon aus diesem Grund sind viele lokale Unternehmer in Gilden aktiv, halten sie mit am Leben.

"Tradition wird in den Familien weitergegeben"

Zwar fällt es auch den Gilden nicht leicht, genügend Funktionäre zu finden, aber über rapiden Mitgliederschwund klagen nur wenige. In der ältesten Gilde des Landes, der St. Johannis Toten- und Schützengilde von 1192 in Oldenburg (Ostholstein), ist seit Jahren etwa jeder zehnte Bürger der Stadt aktiv. "Die Tradition wird in den Familien weitergegeben", sagt Ältermann Hans-Heinrich Landt.
Rolf-Peter Fröhlich in Bargteheide hilft das wenig. Er sagt: "Bevor unser Traditionsverein vor die Hunde geht, übernehme ich noch einmal den Vorsitz." Denn noch hat er etwas zu verlieren: Sein Schützenverein ist der mitgliederstärkste im Kreis Stormarn - noch.

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