zur Navigation springen

Friesenhof-Skandal : Jugendheime in Schleswig-Holstein – ein lukratives Geschäftsmodell

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In zehn Jahren ist die Zahl der Jugendheime in SH um 27 Prozent gestiegen – es geht um Millionen.

margret kiosz von
erstellt am 17.Aug.2015 | 11:58 Uhr

Jeden Tag werden in Schleswig-Holstein fünf Kinder aus ihren Familien genommen – bundesweit sind es etwa 100. Die Zahl steigt, weil nach spektakulären Kindesmisshandlungen die Bevölkerung sensibilisiert ist und Nachbarn schneller als früher bei Auffälligkeiten die Polizei informieren. Kinder kommen dann in Pflegefamilien oder in Heime, um sie vor Eltern zu schützen, die sie vernachlässigen oder schlagen.

Der Heimmarkt ist in den vergangenen Jahren deutschlandweit explodiert. Besonders Schleswig-Holstein scheint für auswärtige Jugendämter ein interessantes Bundesland zu sein, weil hier offenbar preisgünstiger Unterbringungsmöglichkeiten zu finden sind. Wie aus einer Anfrage der CDU hervorgeht, ist die Zahl der Einrichtungen im Norden seit 2005 von 1066 auf 1363 gestiegen (plus 27 Prozent ). Die Zahl der Plätze sogar von 7084 auf 8764. Angesiedelt haben sich die Heimträger in allen Kreisen und kreisfreien Städten zwischen Sylt und Lauenburg. Auffällig stark jedoch in Flensburg von 30 auf 98; in Kiel von 85 auf 125 und in Lübeck von 28 auf 67. Aber auch im Kreis Schleswig-Flensburg nahm die Zahl der Heime von 154 auf 188 zu. Erfasst sind Heime, betreute Wohnformen und Tagesgruppen, die der Betriebserlaubnis unterliegen.

In den drei Häusern des „Friesenhofs“ waren bis zur Schließung Mädchen und junge Frauen - auch aus Hamburg - mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund untergebracht. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter, massive Vorwürfe über inakzeptable Praktiken erhoben - etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten. Die Heime wurden geschlossen, nachdem Berichte über diese fragwürdigen Erziehungsmethoden aufgekommen waren.

Im Kreis Dithmarschen, der wegen des Friesenhof-Skandals im Fokus steht, war der Anstieg von 84 auf 113 eher durchschnittlich. Wie überall im Norden ist auch hier der hohe Anteil der von außerhalb zugewiesen Kinder und Jugendlichen erstaunlich. Nur 104 von 703 Heimplätzen waren 2013 nach Aussage der Heider Amtsrichterin Christine Orgis mit einheimischen Kindern belegt.

In Pflegefamilien lebten etwa 90 Prozent der einheimischen Kinder und nur 10 Prozent der Auswärtigen. In Heimen war das Verhältnis genau umgekehrt. Orgis hat nachgerechnet: „Wenn man von etwa 3000 Euro pro Kind und Platz im Monat ausgeht, so sieht man, welch bedeutender Wirtschaftsfaktor dies für einen armen Landkreis ist.“ Jährlich fließen demnach etwa 21 Millionen Euro aus anderen Bundesländern nach Dithmarschen.

Bundesweit werden jährlich rund 4,4 Milliarden Euro für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen außerhalb der Familien ausgegeben. Der ehemalige Berliner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky sprach in diesem Zusammenhang von einer Hilfe-Industrie, die von den Kreisen „Geld auf Treu und Glauben ohne jede Nachprüfung bekommt“. Auch deshalb sind nach Ansicht der völlig überlasteten Jugendämter die Heime wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Im Schnitt bleiben die Schutzbefohlenen in Schleswig-Holstein rund 24 Monate in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 2460 Kinder von den schleswig-holsteinischen Ämtern in Obhut genommen. Am wenigsten waren es absolut in Kreis Steinburg (39) und Dithmarschen (22), am meisten in Kiel (289), Lübeck (300) und Flensburg (238). In den allermeisten Fällen (1158) erfolgten die Inobhutnahmen aus den Familien heraus. In 213 Fällen allerdings auch aus Heimen.

Die CDU-Landtagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann fragt sich deshalb, „wie es dazu kommen kann, dass Kinder in schleswig-holsteinischen Heimen so vernachlässigt werden, dass der Staat wegen Kindeswohlgefährdung eingreifen muss“. Nach den Zahlen, die das Sozialministerium jetzt auf den Tisch gelegt hat, „ist der Friesenhof leider kein Einzelfall gewesen“. Sie sei sicher, „dass die jetzt vorgelegten Zahlen nur die Spitze des Eisberges sind“. Dabei sollten Heime doch genau die Orte sein, an dem Kinder und Jugendliche sich besonders geschützt fühlen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen