Erschreckende Bilanz : Jugendgewalt nimmt zu

Gewalt nimmt zu: Jugendliche tauchen immer mehr in der Kriminalstatistik auf. Foto: dpa
Gewalt nimmt zu: Jugendliche tauchen immer mehr in der Kriminalstatistik auf. Foto: dpa

Nötigung, Raub oder gar Mord - die Zahl der jugendlichen Straftäter in Schleswig-Holstein geht steil nach oben. Ihre Zahl hat sich verdoppelt.

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11. April 2008, 07:16 Uhr

Junge Schleswig-Holsteiner verüben immer mehr Gewalttaten. Dieser seit Jahren anhaltende Trend hat sich auch 2007 fortgesetzt: "Die Zahl der an Gewaltkriminalität beteiligten Jugendlichen und Heranwachsenden ist seit 2001 um 100 Prozent gestiegen", sagte Generalstaatsanwalt Erhard Rex bei der Vorstellung seines Jahresberichts in Kiel.
Wurden 2001 noch 8000 mal junge Menschen wegen Raub, Nötigung, Körperverletzung oder Tötung beschuldigt, so waren es im vergangenen Jahr 16.000. In dieser Zahl sind auch Mehrfachtäter enthalten.
Mehr Gruppendelikte
Als zentrales Mittel der Justiz in solchen Fällen hob Rex die vorrangigen Jugendverfahren (2007: 132) hervor, bei denen die Strafe möglichst schnell der Tat folgen soll. Das Hauptverfahren wird hier binnen vier Wochen angestrebt. Nach einem Überfall von Jugendlichen auf einen Rentner erhob die Staatsanwaltschaft Flensburg ihre Anklage bereits nach neun Tagen. "Immer mehr werden Gewaltdelikte als Gruppendelikte begangen", stellte der Generalstaatsanwalt weiter fest. Die Zahl aller Gewalttaten nahm von knapp 19.100 im Jahr 2001 auf gut 27.100 im vorigen Jahr zu.
Insgesamt leiteten die Staatsanwaltschaften im Norden im vorigen Jahr 300.370 Ermittlungsverfahren ein, gut 5000 weniger als 2006. Einen Rückschluss auf gesunkene Kriminalität erlauben solche Zahlen wegen statistischer Verzerrungen nicht: So können aus einer Straftat mit mehreren Beteiligten mehrere Verfahren resultieren oder nur eines. Im Hinblick auf Internet-Delikte machte Rex deutlich, dass beim Herunterladen einzelner Musiktitel aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht mehr flächendeckend die IP-Adressen der Computerbenutzer ermittelt würden, anders als bei rechtsradikalen Inhalten, Kinderpornografie oder aktuellen Kinofilmen.
Weniger Drogenkriminalität
Insgesamt gehen Rex zufolge einfache, leicht beweisbare und auf einem Geständnis beruhende Verfahren zurück, während schwierige, langwierige Fälle zunehmen. Die Belastung der Staatsanwaltschaften sei extrem hoch. Leichte Entspannung bilanzierte der Generalstaatsanwalt bei Drogendelikten: Die Zahl der Verfahren sank seit 2003 von 9800 auf weniger als 8400, die der Beschuldigten von 4800 auf 2900. Wegen Mord oder Totschlag (einschließlich Versuchen) wurden 129 Verfahren eingeleitet, sechs mehr als im Vorjahr. Keine wesentlichen Veränderungen gab es in den letzten Jahren auch bei Sexualdelikten.
Fast verdoppelt auf 566 Verfahren hat sich die Zahl der Korruptionsfälle. Dieser Anstieg lässt ebenfalls keinen Rückschluss auf zunehmende Korruption zu, da die Zahl auch 241 sogenannte Begleitdelikte erfasst, die bis 2005 nicht in die Statistik eingeflossen waren. Gerade in diesem Bereich entwickeln sich häufig aus einem Verfahren viele kleinere Einzelverfahren. So verdoppelte sich auch die Zahl der Beschuldigten auf 718. Die Ermittlungsgruppe Korruption durchsuchte 2007 an 30 Einsatztagen insgesamt 223 Objekte.
"Die Korruptionsbekämpfung in Schleswig-Holstein funktioniert hervorragend", sagte der Generalstaatsanwalt. Hier habe der Norden eine Spitzenstellung in Deutschland. Es sei ein engmaschiges Netz aufgebaut worden, um der Korruption entgegenzuwirken. Rex listete Einzelfälle auf: So soll ein Bankmitarbeiter für die Vergabe eines hohen Kredits verlangt haben, dass der Kunde ihm für einen stark überhöhten Preis von mehreren hunderttausend Euro seine Immobilie abkauft. Der Kunde habe das wegen der schwierigen Lage seiner Firma auch getan.
Korruption für Eierkocher
Gegen einen Beamten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes wurden Ermittlungen eingeleitet, weil er bei Beschaffungsaufträgen regelmäßig einen Vertreter bevorzugt haben soll und dies auch gegen Weisungen seines Chefs. Als Gegenleistung habe es günstig oder kostenlos Haushaltsartikel gegeben - "vom Eierkocher bis zum Kühlschrank". Angehörige der Bundeswehr wiederum sollen in Absprache mit einem Vorgesetzten nicht geleistete Stunden abgerechnet und ihm die Hälfte der Vergütung überwiesen haben.

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