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Nach Anschlägen in Paris und Kopenhagen : Jüdische Gemeinden: Wir können in SH bleiben

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Benjamin Netanjahu fordert Juden nach den Anschlägen auf, Europa zu verlassen. Wie gestaltet sich da jüdisches Leben in Schleswig-Holstein?

Flensburg | Wie sicher sind Juden in Deutschland und Europa nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen noch? Glaubt man dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu – gar nicht. Er forderte die Juden Europas nach den Anschlägen von Paris und, erneut, nach denen von Kopenhagen zur Auswanderung in den jüdischen Staat auf. „Israel ist eure Heimstätte“ sagte er und warnte: „Diese Terrorwelle wird weitergehen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte daraufhin, dass Deutschland alles tun werde, um für die Sicherheit der jüdischen Bürger zu sorgen. Sie ergänzte zudem: „Wir möchten gerne mit den Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben.“

Eine Sicherheit, die Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gut zehn Tage später mit einer rhetorischen Frage deutlich anzweifelt. In einem Radio-Interview fragt er, ob es „tatsächlich sinnvoll“, sei, sich „in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil als Jude durch das Tragen der Kippa erkennen zu geben“. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, stimmt dem sogar zu. In Vierteln mit „hohem muslimischem Anteil“ seien „diese Ängste berechtigt“.

Volker Kauder, Unionfraktionsvorsitzender im Bundestag, will das Problem aber nicht auf ein jüdisch-muslimisches begrenzen. Er sieht in der Äußerung Schusters ein „Alarmsignal“, zeige sie doch „auf dramatische Weise, wie verunsichert jüdische Mitbürger in unserem Land mittlerweile sind“, so Kauder am Freitag.

Und das, so scheint es, ist auch kein Wunder. Denn zum einen ist 2014 die offiziell registrierte Zahl der antisemitischen Straftaten um rund zehn Prozent auf 864 Fälle gestiegen. Das berichtet die Amadeu Antonio Stiftung unter Berufung auf bislang noch nicht veröffentlichte Zahlen der Bundesregierung.

Zum anderen belegt dies auch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2012. Danach hat etwa jeder sechste Deutsche grundsätzlich keine Scheu, antisemitischen Vorurteilen zuzustimmen. Der Aussage „Juden haben zu viel Kontrolle und Einfluss an der Wall Street“ stimmten demnach 53,8 Prozent „teilweise“, „überwiegend“ oder „voll und ganz“ zu. Entsprechend fanden 33,8 Prozent den Satz „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“ richtig. Und nur eine knappe Mehrheit von 52,7 Prozent lehnen die Aussage „Juden haben zu viel Einfluss auf die öffentliche Meinung in diesem Land“ völlig oder überwiegend ab.

Wie viele Juden in Deutschland leben, ist nicht bekannt, da diese Zahl so nicht erfasst wird. Statistisch belegt ist allein die Zahl der Mitglieder in jüdischen Gemeinden. 2013 waren dies 101.338 Menschen, verteilt auf 108 Gemeinden. Entsprechendes gilt für Schleswig-Holstein. Hier haben sich 1973 Mitglieder in acht Gemeinden organisiert. Sie liegen in Kiel (zwei Gemeinden), Flensburg, Lübeck, Pinneberg, Elmshorn, Ahrensburg und Bad Segeberg.

Anders als in den Großstädten scheint es im eher ländlich geprägten Schleswig-Holstein aber bislang keine großen Anfeindungen gegen Juden zu geben. Das zumindest ergab eine Umfrage von „Schleswig-Holstein am Sonntag“ in den Gemeinden. Im Gegenteil. Die Gemeindevertreter sprachen zwar davon, dass sich seit den Terroranschlägen etwas verändert habe – aber zum Positiven. „Die Menschen kommen jetzt eher auf uns zu“, berichtet Wolfgang Seibert aus Pinneberg. Natürlich seien dies grundsätzlich eher aufgeschlossene Menschen, die seine Gemeinde in deren Räumlichkeiten aufsuchten. Aber von Anfeindungen auf der Straße habe er auch noch nichts gehört. „Ich trage die Kippa allerdings auch grundsätzlich selten in der Öffentlichkeit. Aber auch in diesen seltenen Fällen ist mir noch nie etwas Unangenehmes aufgefallen.“

Auch auf Antje Rudolph, Vorsitzende der Gemeinde Ahrensburg-Stormarn, und ihre Mitgläubigen kommen die Menschen seit den Anschlägen vermehrt und interessiert zu. Auch sie hat keine negativen Erlebnisse oder von dergleichen gehört. „Wir fühlen uns sicher.“

In Bad Segeberg möchte der Vorsitzende Walter Blender auf keinen Fall seinem Zentralratspräsidenten Schuster widersprechen. Allerdings, so meint er, seien Übergriffe wohl eher ein Problem der Großstadt. „Hier kennen die Menschen einander.“ Die jüdische Gemeinde in Bad Segeberg stünde hingegen in einem engen Kontakt und interreligiösen Dialog mit der muslimischen Gemeinde. Das Verhältnis sei sehr gut. „In Schleswig-Holstein müssen Juden ganz gewiss keine Angst haben“, sagt er. Und bezieht sich dann auch noch einmal auf Israels Ministerpräsidenten Netanjahu: „Für Juden gibt es keinen Grund, Schleswig-Holstein zu verlassen.“

Die Kippa ist eine, den Hinterkopf bedeckende runde, flache Haube aus Stoff oder Leder und ein Zeichen gläubiger und praktizierender Juden. Männer tragen sie während des Gebets, in der Synagoge und auf dem jüdischen Friedhof und sie ist ein Zeichen der Gottesfurcht. Dieser Brauch stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert.
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erstellt am 01.Mär.2015 | 14:16 Uhr

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