Mord bei Lübeck aufgeklärt : Joggerin war ein Zufalls-Opfer

Spurensicherer in der Wohnung des mutmaßlichen Mörders. Foto: dpa
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Spurensicherer in der Wohnung des mutmaßlichen Mörders. Foto: dpa

Der Mord an einer Joggerin im Wald bei Lübeck ist nach nur vier Tagen aufgeklärt: Ein verurteilter Sexualstraftäter soll die 29-Jährige Anna-Lena U. erstochen haben.

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13. Juli 2013, 09:59 Uhr

Lübeck/Schwerin | Für den Termin beim Haftrichter haben Kripo-Beamte Norman L. eine kugelsichere Weste angelegt, einer hält ihm einen Aktenordner vors Gesicht. Der 45 Jahre alte Lübecker soll der Mörder der Joggerin Anna-Lena U. sein. Der arbeitslose Lagerarbeiter und bereits verurteilte Sexualstraftäter schweigt zu den Vorwürfen.
Am Sonntag hatte ein Vater auf dem alten Grenzstreifen zwischen Herrnburg (Nordwestmecklenburg) und Lübeck die blutüberströmte Leiche seiner Tochter gefunden. Anna-Lena U. (29), Mutter eines zweijährigen Kindes, war beim Joggen mit einem Stich in den Hals getötet worden. Nach nur vier Tagen klickten jetzt die Handschellen.

"Er war ein netter Typ, aber eher introvertiert"

Donnerstagmorgen um 2.30 Uhr umstellten Polizisten den grau verputzen Wohnblock, in dem Norman L. lebte. Er liegt nur anderthalb Kilometer vom Tatort entfernt. Wenig später stürmten SEK-Beamte die Wohnung des Tatverdächtigen. Seine direkte Nachbarin erzählt: "Es knallte gewaltig, da habe ich durch den Türspion geguckt - und sah die Polizisten mit ihren Sturmhauben." In einem weißen Overall und gefesselt mit Handschellen wurde Norman L. abgeführt. "Er war ein netter Typ, aber eher introvertiert", sagt die Nachbarin. Erst im vergangenen Sommer sei er eingezogen, zunächst habe er noch gearbeitet, seit einem halben Jahr dann aber nicht mehr. "Besuch bekam er nur von seinen Kindern."
Wer ist Norman L.? Er ist geschieden und arbeitslos, war 1989 nach einer versuchten Vergewaltigung vom Lübecker Landgericht zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden, die er auch komplett abgesessen hat. Auch danach hat er nach Informationen des sh:z immer wieder Frauen belästigt. Der Vater von drei Töchtern war mit deren Mutter zwölf Jahre lang verheiratet gewesen. Vor einem Jahr trennten sich die beiden, Norman L. zog in die Wohnung nicht weit entfernt von seiner Ex-Frau - um die Kinder weiter regelmäßig sehen zu können, ein Auto hatte er nicht. Norman L. arbeitete zeitweise als Lagerist, war zuletzt aber arbeitslos." Seine Ex-Frau möchte nicht über ihn sprechen. "Es ist zu schwer für sie, auch wegen der Kinder", erklärt ein Bekannter und fügt hinzu: "Norman war ein Einzelgänger ohne Freunde. Er trank viel und lungerte nicht nur vor dem Haus seiner Ex-Frau herum, sondern streifte auch viel in der Gegend umher."

"Sexuelles Motiv ist naheliegend"

Am Sonntagmorgen soll ihm dann auf dem Kolonnenweg des alten Grenzstreifens Anna-Lena U. begegnet sein. Opfer und Täter kannten sich nicht. Die junge Mutter, die mit Ehemann und Kind in Italien lebt, hatte ihre Eltern in Lübeck besucht, als sie ihren Mörder traf. Hinweise darauf, dass die junge Frau vor ihrem Tod vergewaltigt wurde, gibt es nach Angaben der Ermittler nicht. "Ein sexuelles Motiv für den Angriff ist aber angesichts der einschlägigen Vorstrafen naheliegend", sagte Klaus Müller von der Staatsanwaltschaft Schwerin am Donnerstag. Wie sind die Ermittler Norman L. auf die Spur gekommen?
Ein Stück vom Tatort entfernt hatten Ermittler die Tatwaffe gefunden. "An dem Messer und auch am Körper des Opfers sind DNA-Spuren gefunden worden", erklärte der Chef des Polizeipräsidiums Rostock, Thomas Laum. Beim Vergleich mit Material in den Datenbanken seien Experten des Landeskriminalamts Mecklenburg-Vorpommern und der Kripo in Schwerin am Mittwochabend fündig geworden. Das Erbgut von Norman L. war wegen der versuchten Vergewaltigung gespeichert worden. Außerdem sollen Spürhunde, sogenannte Mantrailer, die Polizisten zu der Wohnung in Lübeck-Eichholz geführt haben.

Mann schon mehrfach aufgefallen

Die Ermittler sind sich sicher, den Mörder von Anna-Lena U. gefunden zu haben. So ähnele die Vorgehensweise bei der getöteten Joggerin dem der versuchten Vergewaltigung 1989 und einer gefährlichen Körperverletzung 1987. Norman L. sei auch wegen anderer Delikte immer wieder aufgefallen. Dazu gehörten Eigentums- und Vermögensdelikte, Verkehrsstraftaten und Leistungserschleichung. Die Staatsanwaltschaft Schwerin will nun auch klären, ob der Verdächtige für weitere, bislang unaufgeklärte Straftaten infrage kommt.
Die Anwohner, die tagelang in Angst lebten, sind erleichtert. "Ich kannte ihn vom Sehen", sagte Jessica Hübner (21). "Wenn er es ist, bin ich froh, dass er gefasst wurde."

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