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Abgas-Skandal : Jetzt schnell den VW verkaufen?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Deutsche VW-Fahrer sind verunsichert: Belastet jede neue Hiobsbotschaft aus dem Konzern doch nicht nur das Image der Marke, sondern vielleicht auch den Wert ihres Autos. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Verkaufen?

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erstellt am 08.Nov.2015 | 11:03 Uhr

Rund zehn Millionen Autos mit VW-Emblem sind auf Deutschlands Straßen unterwegs. Ein Viertel davon – 2,4 Millionen Diesel-Pkw – sind von der großen Rückrufaktion im nächsten Jahr betroffen. Bei den EA-189-Motoren mit 1,2 Liter, 1,6 Liter und 2,0 Liter Hubraum muss das Abgassystem überarbeitet werden. Das Risiko ist groß, dass die Fahrzeuge nach dem Werkstattbesuch mehr verbrauchen oder weniger Leistung haben – oder sogar beides.

Die Umrüstung zahlt VW – doch wer steht dafür gerade, wenn das Auto öfter an die Zapfsäule muss? Der Wolfsburger Konzern wohl nicht, meint Dunja Richter von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg: „Aufgrund der aktuellen Rechtslage wäre VW nicht verpflichtet, für derartig Folgekosten aufzukommen.“

Anders verhält es sich mit der Kfz-Steuer, die rückwirkend steigen könnte, wenn das Auto in höhere Emissionsklassen eingestuft wird. VW-Chef Matthias Müller hat Freitag den EU-Finanzministern signalisiert, dass sein Konzern „etwaige Mehrsteuern ausgleichen“ wird.

Der Aufwand für den Werkstattbesuch, unkalkulierbare Risiken bis hin zum Wertverlust – sollte man das Auto nicht lieber schnell verkaufen? Automobil-Experte Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen rät Besitzern der betroffenen Diesel-Fahrzeuge zur Besonnenheit – und zu einem Gespräch mit dem Händler, der ihnen das Auto verkauft hat. VW winke Neuwagen-Käufern derzeit mit Eintauschprämien.

Besuche bei verschiedenen VW-Händlern im Norden bestätigen Dudenhöffers Einschätzung: Es gibt eine Auftragseingangsprämie, eine Prämie für Eroberungskunden (die eine Fremdmarke in Zahlung geben), eine Loyalitätsprämie für VW-treue Kunden sowie eine Herbstprämie für Gewerbekunden und Selbstständige. Besonders günstig sind derzeit die Modelle Golf, Polo und Up. Ein Händler hat uns 25 Prozent Nachlass auf einen VW Golf mit Wunschausstattung offeriert – bei einem Vertragsabschluss bis Ende November.

Welche Prämien VW anbietet, wenn die Rückrufaktion nächstes Jahr startet, ist heute noch völlig ungewiss.

Wer aber seinen gebrauchten VW-Diesel privat verkaufen möchte, muss den Käufer darauf hinweisen, dass der Wagen von der Rückrufkampagne betroffen sein könnte. „Sonst kann der Käufer den Handel rückgängig machen“, warnt Dudenhöffer.

Auch der ADAC rät nicht zu einem vorschnellen Verkauf. „Die Wertentwicklung der betroffenen Fahrzeuge ist seriös nicht einzuschätzen“, hält sich Pressesprecher Dr. Christian Buric bedeckt. „Besitzer sollten erstmal den Rückruf abwarten.“ Die Vorgänge bei VW seien alles andere als transparent. „Da muss eine unabhängige Kontrollinstanz her.“ Buric’ vorläufiges Fazit: „Die Welt nach Dieselgate ist nicht mehr wie vorher.“

Kein Preisrutsch, keine Panikverkäufe – der deutsche Automarkt ist derzeit trotz VW-Skandal stabil, die Stückzahlen liegen nur wenig unter dem Niveau des Vorjahres. „Aktuell erkennen wir weder bei den Neu- noch bei den Gebrauchtwagen der VW-Diesel-Fahrzeuge einen Nachfragerückgang“, sagt Sebastian Lorenz von der Onlinebörse Autoscout24. Bei der Konkurrenz von Mobile.de verlautet das gleiche: „Wir sehen aktuell keine nennenswerten Veränderungen auf dem Gebrauchtwagenmarkt.“ Bei den Angebotspreisen seien ebenfalls keine Effekte zu erkennen, ergänzt Kommunikationschef Christian Maas.

Und was ist mit VW-Fahrzeugen, die nicht von der Rückrufaktion und von gefälschten Abgaswerten betroffen sind? „Hier sind keine Wertminderungen zu erwarten“, beruhigt Prof. Dudenhöffer. „Diese Fahrzeuge sind gut im Markt positioniert.“

Stickoxid und Co.: Was man jetzt über Abgase wissen sollte

Die Automobilindustrie steht aktuell weltweit in einem schlechten Licht: Es wurde gemogelt, dass sich die Zahlen biegen. Der Volkswagen-Konzern ist dabei derzeit der globale Prügelknabe. Fast täglich werden neue Tricksereien aufgedeckt. Nach Software-Manipulationen bei Dieselmotoren folgt nun die CO2-Krise. Wer blickt da noch durch? NOx, CO2 und Co sind aktuell in aller Munde – doch nur wenige wissen Genaues damit anzufangen. Hier nun der Blick über die Stammtisch-Kante.

Bei der  motorischen Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Diesel oder Benzin entstehen Wasserdampf, Kohlendioxid (CO2), Kohlenmonoxid, unverbrannte Kohlenwasserstoffe, Partikel und Stickstoffoxid  (NOx). Während letzteres unter anderem für den sauren Regen – und die aktuelle VW Krise – verantwortlich ist, wird das CO2  als Treibhausgas bezeichnet, gern auch als „Klimakiller“– was ziemlicher Blödsinn ist, weil sich das Klima nicht umbringen lässt. Allenfalls ändert es sich.

Katalysatoren und Filter entfernen oder binden relativ zuverlässig unverbrannte Kohlenwasserstoffe, das Atemgift Kohlenmonoxid und Rußpartikel. Problematischer sind die Stickoxide. In modernen Turbodiesel-Motoren kommt es aufgrund hoher Temperaturen und Luftüberschuss teilweise zur unvollständigen Verbrennung. Dabei entstehen vermehrt Stickoxide, die mit Hilfe von Abgas-Nachbehandlung oder Harnstoff-Einspritzungen weitgehend eliminiert werden können. Das ist aber technisch aufwendig und teuer, weshalb sich VW zum Schummeln verleiten ließ. 

CO2 und Verbrauch
Spielen die Stickstoffoxide im Leben eines normalen Automobilbesitzers eigentlich keine Rolle, wird beim Autokauf seit einigen Jahren vermehrt auf den CO2-Ausstoß Wert gelegt. Der steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Treibstoffverbrauch. Einfach ausgedrückt: Sinkt der Verbrauch, sinken auch die Emissionen von CO2 – und mit ihnen die Kfz-Steuer.

Wer einmal genau hingeschaut hat, wird festgestellt haben, dass ein Dieselmotor bei der gleichen Menge Treibstoff mehr CO2  emittiert, als ein Benziner. Der Grund liegt im Kohlenstoffanteil des Kraftstoffs. Aufgeschlüsselt heißt das: Bei der Verbrennung von einem Liter Benzin werden 2370 Gramm CO2  freigesetzt. Bei der Verbrennung der gleichen Menge Diesel 2650 Gramm CO2 .

So entsprechen 132,2 Gramm je Kilometer einem Verbrauch von 5,6 Litern Benzin bzw. 5,0 Litern Diesel auf 100 Kilometern. Auf Basis der jeweils vom Hersteller bei internen Tests in einem genormten Zyklus (NEFZ) ermittelten Verbrauchsdaten findet heute die Berechnung der Kfz-Steuer statt. 

Nahezu jedes Auto verbraucht in der Praxis mehr als unter Laborbedingungen. Das liegt zum einen daran, dass die Hersteller die Fahrzeuge bis zum Rande der Legalität für den Normtest auf dem Prüfstand optimieren. Zum anderen kommt in der Debatte vielfach die Tatsache zu kurz, dass der Verbrauch auch bis zu 30 Prozent von der individuellen Fahrweise abhängig ist. 

Kfz-Steuer
Die große Frage, die sich jetzt VW-Fahrer stellen, ist, ob das Finanzamt eine satte Nachzahlung fordern wird. Grünen-Politikerin Lisa Paus: „Es sieht danach aus, dass VW sich durch zu niedrig angegebene CO2-Werte der Steuerhinterziehung schuldig gemacht hat.“ Verkehrsminister Alexander Dobrindt  deutete an, dass eine Neuberechnung der  Kfz-Steuer fällig werden könnte. Was genau auf die betroffenen Fahrzeugbesitzer zukommt, wird sich zeigen. Der Trend geht dahin, VW in Haftung zu nehmen.

Rückgaberecht
Sollte der eigene Neuwagen nachvollziehbar zehn Prozent mehr verbrauchen, besteht die Chance, vom Kaufvertrag zurückzutreten. So entschied das Oberlandesgericht Hamm 2013. Ein Autokäufer hatte nach 15.000 gefahrenen Kilometern geklagt. Nach Feststellung eines Sachverständigen lag der Mehrverbrauch bei 10,39 Prozent, was laut OLG Hamm ein Rücktrittsrecht vom Kaufvertrag begründet. Allerdings hatte der Käufer den Wertverlust auszugleichen.
dpa

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