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Syrien-Konflikt : „Jeder fürchtet um sein Leben“

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Die Dithmarscher Malerin Elisabeth Massalme hat Angst um ihre syrische Familie. 25 Verwandte sind bereits im Bürgerkrieg ums Leben gekommen.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2013 | 10:50 Uhr

Marnerdeich | Gerade hat sie mit einem Freund in Syrien telefoniert und erzählt, dass sie Besuch von einem Journalisten erwartet. „Frag ihn, was für eine Demokratie uns der Westen überstülpen will, der Westen soll schauen, was aus den Wahlen in Ägypten geworden ist.“

Die Dithmarscherin Elisabeth Massalme (64) ist im ständigen Kontakt mit ihrer Familie und Freunden in Syrien, hat große Angst. „In unserer Familie hat es bereits 25 Tote gegeben“, erzählt die Malerin, die in jungen Jahren ihren syrischen Ehemann kennenlernte. „Geheiratet haben wir in Syrien, es ist meine zweite Heimat geworden.“ Seit mehr als 40 Jahren lebt Massalme immer wieder für längere Zeit in Damaskus. Wie verwachsen sie sich mit dem Orient fühlt, wurde ihr aber erst durch den Verlust ihres Mannes bewusst. Nach seinem Tod vor fünfeinhalb Jahren baute sie sich in Damaskus ein Stück Heimat auf, ist heute als Künstlerin anerkannt. Eine große Ausstellung im Herbst 2010, unterstützt von der Ehefrau des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, sieht sie als Glanzstück ihrer künstlerischen Laufbahn. „Ich bin dort eine offizielle Person, sehe mich als Kulturbotschafterin zwischen Deutschland und dem Nahen Osten.“ Nach der Ausstellung, die auch in den Medien große Beachtung fand, flog sie kurz vor Weihnachten zurück nach Deutschland, wo ihre drei erwachsenen Kinder leben. Seitdem ist Elisabeth Massalme nicht wieder in Damaskus gewesen, denn nur sechs Wochen später begann die Revolution. „Syrien soll frei sein“ hatten Jugendliche an Häuser gemalt, die Geheimpolizei nahm einige fest – und schon war der Funke gezündet. Dies kam völlig überraschend, erzählt die Dithmarscherin, wenn auch schon länger eine gewisse Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu spüren war.

„Ich wollte jeden Tag zurück, meine Ausstellung sollte ja in allen großen Städten gezeigt werden“, sagt Massalme, doch die Verwandten in Syrien warnten, zu groß sei die Gefahr. „Es ist dort ein Leben zwischen Ruinen, jeder fürchtet um sein Leben. Es herrscht Anarchie.“

Um nicht nur Informationen übers Telefon zu erhalten, flog sie vorigen Oktober in die Türkei, wo sich viele syrische Flüchtlinge aufhalten, auch aus ihrer Familie. Die Künstlerin erfuhr von grausamen Taten, vom Leid der Menschen – „Das Volk wird geknechtet.“

Nicht glauben will sie, dass Präsident Assad für den Giftgas-Anschlag verantwortlich ist. „Das ist falsch, das kann nicht sein. Die brauchen nur Bilder, die legitimieren, dass der Mann weg muss“, sagt die Syrien-Kennerin und fügt hinzu: „Ich bin kein Freund von Assad, er ist ja ein Diktator, ohne Zweifel. Doch gerecht muss man sein.“ Und sie warnt vor einem Militärschlag und einer Entmachtung des syrischen Herrschers: „Der Westen weiß gar nicht, auf was er sich da einlässt.“ Eine Demokratie nach westlichem Vorbild kann sich Elisabeth Massalme in ihrer zweiten Heimat jedenfalls nicht vorstellen. „Es gibt bestimmte Völker, wo Familienclans die Länder regieren müssen.“

Frieden, davon ist sie überzeugt, kann nur erreicht werden, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und ein Waffen-Embargo für alle gilt. Gleichzeitig müsse die Welt dem syrischen Volk helfen, vor allem mit Medikamenten und Lebensmitteln. Doch Massalme befürchtet eher, dass sich die verschiedenen Religionsgemeinschaften das Land untereinander aufteilen könnten – „Die Christen dürfen dann ihre Koffer packen.“

Wie schön das Leben in Syrien vor dem blutigen Bürgerkrieg war, die Dithmarscherin schwärmt von einem wundervollen Land, das sie immer wieder in ihren farbenfrohen Bildern festgehalten hat. – „Dort schlägt mein wahres Herz. Wenn am frühen Morgen der Muezzin zum Gebet ruft, die Stadt, das Dorf, noch schläft, weißt du, wo du bist. Du spürst die Kraft, sowie die Ruhe und Natürlichkeit des Landes und der Menschen. Hier, wo die Weltregionen zu Hause sind, erkennst du deine Wurzeln.“

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