Hunderttausende müssen jobben : Jede zweite Rente liegt unter Hartz-IV-Niveau

Im Herbst 2012 zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr als 812.000 Minijobber, die älter als 65 Jahre waren. Foto: dpa
Im Herbst 2012 zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr als 812.000 Minijobber, die älter als 65 Jahre waren. Foto: dpa

Fast jede zweite Rente in Deutschland liegt unter 700 Euro - und bleibt damit unter dem Niveau der Grundsicherung. Auch in Schleswig-Holstein ist die Entwicklung eindeutig.

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13. Juni 2013, 11:27 Uhr

Berlin/Lübeck | Wie arm sind Deutschlands Rentner wirklich? Ein Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach sich im vergangenen Jahr fast jede zweite Rente auf weniger als 700 Euro belief - also weniger als Hartz-IV-Beziehern inklusive Miete und Heizung zusteht - sorgte gestern für Verwirrung. Mit über 73 Prozent sei der Anteil dieser Minirenten bei Frauen im Westen besonders hoch.
Die Zahlen stammen aus einer Studie der Deutschen Rentenversicherung (DRV-Bund). Doch deren Sprecher Dirk von der Heide warnte prompt vor Fehlinterpretationen. "Das häufige Vorkommen von Renten unter 700 Euro beruht zu einem erheblichen Anteil darauf, dass Versicherte nur kurze Zeit in die Rentenversicherung eingezahlt haben", so von der Heide. Hierzu zählten etwa Selbstständige, Hausfrauen und Beamte, die nur kurz rentenversicherungspflichtig waren.

"Es ist erschreckend"

Meist sei die Einkommenslage von Rentnerhaushalten deutlich besser - auch wegen der höheren "Männerrenten". Derzeit liege das durchschnittliche Nettoeinkommen bei einem berufstätigen Ehepaar im Westen bei mehr als 2500 Euro, im Osten bei 2000 Euro. Nur rund zwei Prozent der Altersrentner über 65 Jahren haben lauf DRV eine so geringe Rente, dass sie zusätzlich staatliche Hilfe in Form von Grundsicherung im Alter erhalten.
Für den Sozialverband (SOVD) ist diese Zahl jedoch nur begrenzt belastbar. "Es ist erschreckend, dass viele unserer Mitbürger eine Antragstellung scheuen, weil sie sich schämen", erklärte Landesverbandschef Sven Picker in Kiel. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Bürger, die Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, etwa doppelt so hoch liegt - also bei etwa vier Prozent.

Auch in Schleswig-Holstein ist die Entwicklung eindeutig

Auch die jüngsten Zahlen der Rentenversicherungen über die Berufstätigkeit von Rentnern werden von den Verbänden als Indiz für steigende Altersarmut gewertet. Im Herbst 2012 zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr als 812.000 Minijobber, die älter als 65 Jahre waren. Mehr als 128.000 von ihnen waren sogar älter als 74. Eine Zunahme um 36,4 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ab 65 stieg bundesweit im gleichen Zeitraum laut BA-Statistik um rund 61.000 auf knapp 171.000. Mit der "Rente ab 67" lässt sich der Zuwachs nicht erklären, da sich 2012 das gesetzliche Renteneintrittsalter für den Jahrgang 1947 nur geringfügig auf 65 Jahre und einen Monat erhöhte.
Auch in Schleswig-Holstein ist die Entwicklung eindeutig: Waren vor zehn Jahren im Norden 25.800 Menschen zwischen 65 und 70 Jahren noch in Lohn und Brot, sind es jetzt über 46.000. Und bei den über 70-Jährigen hat sich die Zahl von 2653 auf 4447 erhöht, wie die Regionaldirektion für Arbeit am Dienstag in Kiel mitteilte.

"Pure finanzielle Not"

Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, die die Statistik angefordert hatte, sieht in den Zahlen einen Beleg für steigende Altersarmut: "Der weitaus überwiegende Teil der älteren Menschen dürfte nicht zum Spaß und Zeitvertreib nach Erreichen des Rentenalters weiter arbeiten, sondern aus purer finanzieller Not", sagte sie.
Sozialverbände fordern jetzt konkrete Maßnahmen gegen Altersarmut. Die Rentner-Minijobs seien ein Indiz dafür, dass die Zahl bedürftiger älterer Menschen zunehme, erklärte Sozialverbands-Präsidentin Ulrike Mascher. Notwendig sei eine armutsvermeidende Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik. Man erkenne, dass das Absenken des Rentenniveaus nicht spurlos an der Lebenswirklichkeit der Rentner vorbeigehe. Rentner hätten seit 2004 einen Kaufkraftverlust von neun Prozent verkraften müssen. "Ältere sind von den Preissteigerungen für Lebensmittel und bei den Energie- und Stromkosten besonders betroffen. Auch Medikamente und Hilfsmittel, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, schmälern bei Rentnern das Haushaltseinkommen mehr als bei anderen." Damit sich das Altersarmutsproblem nicht weiter verschärft, fordert Mascher, die Absenkung des Rentenniveaus von derzeit 51 Prozent auf 43 Prozent bis zum Jahr 2030 zu stoppen: "Bei 50 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns muss Schluss sein."

Hinweis: Am Donnerstag ist das Thema Altersarmut und Grundsicherung im Alter Gegenstand einer sh:z-Telefonaktion in Kooperation mit dem Sozialverband Schleswig-Holstein. Zwischen 17 und 19 Uhr beantworten drei Experten unter Tel. (0800) 2050-7301 (-7302, -7302) Fragen unserer Leser.

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