Unterrichtsausfall : "Jede Stunde zählt" - wirklich?

Über den Unterrichtsausfall an den Schulen in Schleswig-Holstein gibt es Streit zwischen dem Bildungsministerium und dem Landeselternbeirat.

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30. September 2011, 09:37 Uhr

Kiel | Der Unterrichtsausfall im Norden ist alarmierend - so der Eindruck der Eltern. Da stehen Gymnasiasten um 10 Uhr wieder vor der Tür, weil die Klassenlehrerin krank ist. Zweitklässler werden zusammen mit der vierten Klasse unterrichtet und verstehen nur "Bahnhof" - ihr Lehrer ist zur Fortbildung. Mütter lesen vor, Hausmeister übernehmen Sportstunden oder Kinder müssen unbeaufsichtigt Arbeitszettel ausfüllen. Soll der Ausfall beziffert werden, schwanken die Angaben der Eltern zwischen fünf und zehn Prozent. "Tendenz stark steigend", so Stefan Hirt vom Landeselternbeirat der Gymnasien.
Nach der offiziellen Statistik des Kieler Bildungsministeriums ist die Situation längst nicht so dramatisch. Der durchschnittliche Unterrichtsausfall war demnach 2010 in den Grundschulen mit 0,65 Prozent am niedrigsten, die höchsten Werte wurden in den Gymnasien (2,97 Prozent) erreicht, gefolgt von den Gemeinschaftsschulen (2,92 Prozent und den Regionalschulen (2,57 Prozent). Die Änderungen gegenüber dem Vorjahr sind geringfügig, nur die Gym nasien legten leicht zu. "Dies ist auf eine Steigerung des Ausfalls auf Grund von Lehrerfortbildungen zurückzuführen", heißt es im Bildungsbericht der Landesregierung , der in der kommenden Woche im Parlament beraten wird.
Fortbildungsverbot während der Unterrichtszeit gelockert
Was der Bericht verschweigt: Mit dem Schuljahr 2010/2011 wurde auf Wunsch der Pädagogen das strikte Verbot von Fortbildungsveranstaltungen während der Unterrichtszeit gelockert. "Die rigorose Auslegung der Regelung hat dazu geführt, dass Lehrkräfte sich bei der Teilnahme an Nachmittagsveranstaltungen vornehm zurückgehalten haben", begründet Ministeriums Sprecherin Beate Hinse die Lockerung. Mitunter seien hochkarätige Referenten eingeladen worden und hätten vor fast leeren Reihen doziert.
Allerdings dürfen auch jetzt Lehrkräfte nur dann an Fortbildungen während der Unterrichtszeit teilnehmen, wenn für Vertretung gesorgt ist. Konkretes Beispiel: Wenn sich am kommenden Dienstag 50 Lehrer zu einem ganztägigen Seminar in Rendsburg treffen, werde deshalb keine Schulstunde ausfallen, versichert Hinse.
Eltern halten die Ausfall-Statistik für "geschönt"
Aber auch Krankheit, Kur oder Mutterschutz wirbeln die Stundenpläne durcheinander. Zwar gibt es einen sogenannten Vertretungsfonds, in den alljährlich 1,2 Millionen Euro aus Landesmitteln fließen. Doch bei kurzfristigen Krankheitsfällen können die Schulleiter die Löcher meist nicht sofort schließen. Selbst bei langwierigen Erkrankungen gelingt es nicht immer, Ersatz mit passender Fächerkombinationen zu finden, vor allem nicht für Schulen in peripherer Lage. "An Grundschulen ist das einfacher, vermutlich ist dort die Ausfallquote deshalb geringer", so Hinse. Insgesamt habe sich die Situation jedoch seit Einführung des Projekts "Jede Stunde zählt" deutlich verbessert. "Der Unterrichtsausfall hat sich seit 2005 an allen Schularten mehr als halbiert", so die Sprecherin.
Doch die Eltern bleiben skeptisch und halten - wie Stefan Hirt - die Statistik für "geschönt". Das Ministerium zähle nur Stunden als ausgefallen, "wenn die Kinder nach Hause geschickt werden", so Hirt. Für den Landeselternbeirat gelte jedoch jede Stunde als ausgefallen, die nicht fachgerecht unterrichtet werde. "Wenn Schüler im Deutschunterricht malen, in Mathe Videos gucken oder Stillarbeiten machen müssen, die nichts mit dem Fach zu tun haben, dann ist das für uns Unterrichtsausfall."
Das Ganze sei ohnehin ein "einziger Verschiebebahnhof", zumal wenn Vertretungsstunden von Lehrkräften anschließend auch noch abgebummelt würden. "Dann hat man ein Loch notdürftig gestopft und ein neues aufgerissen", so der Elternvertreter. Am Krisenmanagement des Ministeriums lässt er kein gutes Haar. "Die ersticken in bürokratischen Vorgaben." So sei ein Schulleiter, der bereits eine Woche vor Ende der Sommerferien zwei langfristige Krankmeldungen von Pädagogen auf den Tisch bekam, mit dem Hinweis vertröstet worden, man müsse "mit Schuljahresbeginn erst einmal die Krankenstands situation landesweit abklären". Für Hirth "eine Frechheit".

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