Verhinderter Flug ohne Erstattung : Jahrelanger Ärger bei Peter Dietrich: Ein Helgoland-Ticket oder „nur wertloses Papier“?

Seit zwei Jahren befindet sich Peter Dietrich mit der Linie „Ostfriesischer Flugdienst“ im Streit um einen verhinderten Flug.

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09. Juni 2020, 19:45 Uhr

Helgoland/Maintal | „Ich muss Ihnen berichten, was wir erlebt haben – bei Ihnen im schönen Schleswig-Holstein“, sagt Peter Dietrich aus dem hessischen Maintal. Der 72-Jährige könnte noch heute in die Luft gehen, wenn er auf einen am zweiten Weihnachtsfeiertag 2018 geplanten Helgoland-Flug zu sprechen kommt.

Den Flug, den er und seine Frau Rita (68) als Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter Kerstin in Wiesbaden samt Enkelin Sarah gebucht hatten. Der aber wetterbedingt nie stattfand und weshalb der Streit um die Flugpreis-Erstattung bis vor Gericht ging.

Peter Dietrich bekam einen Helgoland-Flug zu Weihnachten – 2018 war das.
Privat

Peter Dietrich bekam einen Helgoland-Flug zu Weihnachten – 2018 war das.

Die Wogen sind bis heute nicht geglättet. Die Dokumente liegen der Redaktion vor.

Die Geschichte von vorne

Rita und Peter Dietrich hatten für ihre Tochter und ihre Enkelin eine Überraschung geplant – „einen Flug nach Helgoland und zurück“, so Dietrich. Den kauften sie frühzeitig – am 29. Oktober 2018 bei der OFD Ostfriesischer-Flug-Dienst GmbH. „Der Idee der Dame am Telefon, den Flug doch gleich als Gutschein unter den Weihnachtsbaum zu legen, sind wir natürlich gerne gefolgt“, sagt Dietrich. Doch – so zeigt sich später – sollte dies ein böser Fallstrick werden.

Am Flugplatz Heide-Büsum in der Dithmarscher Gemeinde Oesterdeichstrich sollte es am Morgen des 27. Dezember 2018 losgehen. Was leider im Norden häufig vorkommt: Es herrschte schlechtes Wetter. Nach mehreren Stunden Wartezeit am Flughafen war klar: Der Flug auf die Insel in der Nordsee war an diesem Tag wegen schlechter Wetterbedingungen nicht mehr möglich.

Tochter Kerstin und Enkelin Sarah – mehr als 600 Autobahn-Kilometer angereist – signalisierten, dass sie den Flug nicht nachholen könnten. Der Preis für den Hin- und Rückflug für Tochter und Enkelin (heute 41 und 19 Jahre alt) betrug insgesamt 404 Euro.

Fluggesellschaft erstattet nicht

Doch die OFD, eine deutsche Regionalfluggesellschaft mit Sitz und Basis in Emden, die eben auch Flüge zwischen Heide-Büsum und Helgoland anbietet, habe den Betrag für den ausgefallenen Flug trotz mehrmaliger Aufforderung nie zurückerstattet, so Dietrich. „Erstmals in meinem Leben“, wie der 72-Jährige betont, habe er schließlich im März 2019 über seinen Anwalt die Klage auf Erstattung angestrengt.

Wenige Monate zuvor, noch auf dem Flugplatz, hätten örtliche Mitarbeiter der OFD sich anders geäußert, wie die von Dietrich beauftragte Anwaltskanzlei feststellte. Nachdem klar war, dass der Flug ausfällt, hätten sie – weil für Tochter und Enkel „kein Flug an einem Ersatztermin in Betracht komme“ – erklärt, der vorausgezahlte Flugpreis werde erstattet.

Was so auch in den Allgemeinen Beförderungsbedingungen der OFD festgehalten ist. Die Anwältin der OFD in Emden beantragte dagegen, die Klage abzuweisen. Begründung: „Es gab nur einen Gutschein und eine Reservierung für den 27.12.2018.“ Genau dies aber klingt für Peter Dietrich eher wie eine Bestätigung: dass er Recht hat. „Es gab eben diese Reservierung“, betont er.

Beschauliches Fliegen: Mit Kleinflugzeugen geht es von Schleswig-Holstein nach Helgoland und zurück.
Bodo Marks/dpa
Beschauliches Fliegen: Mit Kleinflugzeugen geht es von Schleswig-Holstein nach Helgoland und zurück.

Gericht: Nur Gutschein

Ganz anders wiederum die Richterin des Amtsgerichtes Emden: Sie hielt den „Vortrag“ von Peter Dietrich „zu dem Kauf eines Flugtickets bislang nicht ausreichend substantiert“. Folglich sah sie nur einen „Gutschein“ als gegeben an. Das Gericht regte im Juli 2019 die Rücknahme der Klage an.

Nein, widersprach der Anwalt von Dietrich schriftlich. Der Flugtermin „27.12.2018“ sei ausdrücklich vereinbart worden und stand von Anfang an fest. Zudem: Allein durch die begrenzte Kapazität in den Kleinflugzeugen – drei, fünf oder acht Plätze – erschließe sich, „dass Fluggäste nicht auf ‚gut Glück‘“ zum Flughafen Heide-Büsum fahren – sondern eben nur nach Reservierung. Und: Selbst die OFD habe die Vereinbarung über die Flugtermin schließlich als „Reservierung“ bezeichnet.

Das vermeintliche Ticket.

Das vermeintliche Ticket.

Doch das Amtsgericht Emden erkannte diese Reservierung nicht an. Es wertete trotz des in der Rechnung eingetragenen Datums das Dokument nicht als Flugschein, sondern als „Gutschein“ – zumal hier dieser Begriff ausdrücklich aufgedruckt stand. Die Klage wurde Ende Juli 2019 abgewiesen.

„Gericht bestätigte praktisch den Betrug“

Dietrichs Anwalt beantragte den Prozess fortzuführen. Denn: Alle dem Ticket-Käufer übermittelten Unterlagen kämen dem äußerlichen Anschein nach einem „Flugschein“ gleich. Zudem sei der Flug ja wegen der Witterung unmöglich gewesen – nicht etwa wegen den Unterlagen. Kritik übte Dietrichs Anwalt auch daran, dass das Gericht nicht beachtet hätte, dass eine die OFD „repräsentierende Person“ ja den Rückzahlungsanspruch bestätigt habe.

Auch damit konnten Dietrich und sein Anwalt beim Gericht nicht landen: Die Klägerseite – also Dietrich – habe „nichts dazu vorgetragen, dass die Mitarbeiterin eine Kaufpreisrückerstattungszusage für einen (nicht mehr einlösbaren) Gutschein abgegeben haben soll“, nannte die Richterin am Amtsgericht Emden Ende September 2019 als einen der Gründe.

Angesichts dieses Urteils versteht Dietrich die Rechtswelt nicht mehr. Das Gericht bestätige „damit praktisch den Betrug, und bestimmt gleichzeitig, dass der Betrüger das Geld behalten darf ohne die Leistung erbringen zu müssen“, sagt er shz.de. „Dass die OFD also ein wertloses Stück Papier im Wert von 404 Euro verkaufen darf?“

Peter Dietrich erwägt Anzeige

Auch eine Dienstaufsichtsbeschwerde am Landgericht Aurich wurde abgelehnt: „Die Einleitung von Maßnahmen der Dienstaufsicht gegen die Richterin“ kämen „nicht in Betracht“, teilte ihm das Präsidium des Landgerichtes Aurich am 8. April dieses Jahres mit. Zudem sei eine Berufung – also eine Überprüfung des Amtsgerichtsurteils durch das Landgericht – wegen des Streitswerts unter 600 Euro nicht zulässig. Der Betrag ist stark gewachsen: Einschließlich Anwaltskosten, Gerichts- und Einspruchskosten liege der Schaden jetzt bei 1000 Euro, sagt der Maintaler.

Peter Dietrich ist enttäuscht: „Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden anzeigt oder gar einen Prozess geführt – aber in diesem Fall geht alles absolut gegen mein rechtliches Empfinden“, sagt der Mann, der Schlosser gelernt hatte, später Rheinschiffer war, dann Tankstellentechnik betreute und schließlich mit einem Compagnon in einem Planungsbüro selbstständig war. „Sollte sich kein Umdenken einstellen, werden wir in jedem Fall sowohl Anzeige wegen Betruges gegen die OFD und Anzeige wegen Rechtsbeugung gegen die Richterin stellen. Das sind wir uns selbst und vielleicht auch anderen Geschädigten schuldig.“

Trotz der Turbulenzen – Abdrehen vom „schönen Schleswig-Holstein“ werden Peter Dietrich und seine Familie nicht. „Wir lieben die Nordsee und das ursprüngliche Natur-Bauernland mit seinen authentischen Menschen“, sagt der 72-Jährige. „Wir werden mit Sicherheit wiederkommen.“

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