Prozess : Jaguar-Raser: Wollte er töten?

Der Unfallort: Nur teilweise abgedeckt von einem weißen Tuch liegt AKN-Zugführer Dzewad J. auf der Straße. Hat der Angeklagte Christian L. ihn vorsätzlich getötet? Foto: Büh
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Der Unfallort: Nur teilweise abgedeckt von einem weißen Tuch liegt AKN-Zugführer Dzewad J. auf der Straße. Hat der Angeklagte Christian L. ihn vorsätzlich getötet? Foto: Büh

Mit einem Jaguar hat Christian L. einen Menschen überfahren und getötet. Der Prozess am Mittwoch platzte - weil es neue Beweise gibt.

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12. Dezember 2008, 12:43 Uhr

Zwei Verhandlungstage im Saal F des Norderstedter Amtsgerichts waren angesetzt. Doch Staatsanwalt Thomas Ronsfeld wollte die Anklage nicht verlesen. "Ich habe den Antrag gestellt, das Verfahren ans Landgericht Kiel zu verweisen."
Grund: Offenbar haben die Ermittlungsbehörden noch in den Stunden vor dem Prozess neue Hinweise gegen den Angeklagten Christian L. (24) zusammengetragen, die so belastend sind, dass eine neue Anklage geschrieben werden muss. Kiels Oberstaatsanwalt Uwe Wick erklärt: "Bisher wurde von fahrlässiger Tötung ausgegangen. Doch jetzt sieht es so aus, als ob die Tat vorsätzlich begangen wurde."
Gewendet und noch einmal überfahren
Mit seinem 395 PS starken Jaguar S-Type hatte Christian L. in der Nacht zum 26. Januar gegen 3.40 Uhr in Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg) den AKN-Zugführer Dzewad J. (29) überfahren.
Dzewad J. stand auf der Straße, weil er seine Mütze aufheben wollte, die ein Jugendlicher ihm vom Kopf gerissen hatte. Zeugen sagten aus, dass der Jaguar nach dem Unfall mit Tempo 100 weiter raste, nach 170 Metern aber bremste, um zu wenden und das Opfer noch einmal zu überfahren. Nedzmija T. (29), eine Schwester des Toten, die auch als Nebenklägerin auftrat, sagte: "Der Jaguar-Fahrer hat meinen Bruder so verunstaltet, dass wir uns nicht einmal mehr von ihm verabschieden konnten."
Christian L. war noch in der Nacht festgenommen worden. Wenn er vorsätzlich gehandelt hat, geht es jetzt juristisch um die Frage, ob es Mord oder Totschlag war - und ihm droht unter Umständen eine lebenslange Haft. Die Staatsanwaltschaft Kiel war schon kurz nach Beginn der Ermittlungen von einer vorsätzlichen Tat ausgegangen. Uwe Wick: "Ein von uns deswegen beantragter Haftbefehl wurde jedoch nicht erlassen, das Beschwerdeverfahren verworfen."
Christian L. blieb auf freiem Fuß. Einige Wochen hielt sich der Todesfahrer an die Auflagen, meldete sich regelmäßig bei der Polizei. Doch im Mai setzte er sich ab, wurde erst Ende September auf dem Lübecker Flughafen Blankensee festgenommen. Bundespolizisten legten Christian L., der mit einer eine Ryanair-Maschine aus London gekommen war, Handschellen an.
Jaguarfahrer rastet erneut aus
Doch wieder kam der junge Raser nicht in U-Haft. Bis er am 10. November angetrunken in Henstedt-Ulzburg einen Bauzaun demolierte, gegen Autos trat und eine Frau (58) bedrohte. Weil Polizisten bei ihm eine Schere entdeckten und Christian L. mit Selbstmord drohte, riefen sie einen Amtsarzt, der ihn in die Psychiatrie Rickling einwies.
Der Angeklagte sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Noch vor Weihnachten soll entschieden werden, ob der Fall in Kiel verhandelt wird.

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