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Pastor im Ostergespräch : „Ja, Kirche nervt!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Menschen geht die Kirche auf den Geist. Pastor Martin Vetter findet das gut.

Die Kirche verliert stetig Mitglieder. Woran liegt das?
Das hat unterschiedliche Gründe. Bei jüngeren Leuten liegt es sicher daran, dass sie nicht mehr so intensiv religiös aufwachsen wie einst die ältere Generation – die noch viel in der Kirche ist. Hinzu kommt, dass die mittlere Generation oft sehr im Beruf eingebunden ist, vielleicht noch ein Hobby pflegt und das Wochenende zum Ausschlafen braucht. Bei den Schülern haben sich die Schulzeiten verändert. Das sind strukturelle Punkte, die Bindung abschwächen. Übrigens haben alle traditionellen Institutionen wie Parteien, Sportvereine oder Gewerkschaften rücklaufende Mitgliederzahlen.

Bei der Kirche erklärt das aber nur, warum die Menschen am Sonntag nicht mehr in die Kirche gehen. Nicht jedoch, warum sie keine Mitglieder mehr sein wollen und aus der Kirche austreten.
Es gibt sicher eine Tendenz, eher rauszugehen. Nach den neuen Daten zur Kirchenmitgliedschaft stellen wir zwei Trends fest: Zum einen steigt die Verbundenheit. Die, die in der Kirche sind, engagieren sich stärker. Zugleich wächst aber auch die Gruppe derer, die sich fragen, was sie noch hält und beim Steuerbescheid entscheiden, ich gehe lieber raus. Es polarisiert sich also im Moment. Das genau einzuschätzen, ist schwer.

Mir fällt auf, dass Menschen, wenn man sie auf Kirche anspricht, oft genervt reagieren. Wie erklären sie sich das?
Klar, erlebt man Leute, die genervt auf Kirche reagieren. Konfirmanden zum Beispiel, die keine Lust haben, regelmäßig in die Kirche zu gehen. Und manche sind vielleicht genervt, weil sie enttäuscht sind, dass die Kirche sich nicht in der von ihnen erwarteten Weise zu bestimmten Themen äußert.

Ich habe in Vorbereitung auf dieses Interview alle möglichen Menschen gefragt: „Nervt dich die Kirche und wenn ja, was nervt?“ Dabei ist einiges zusammengekommen, das ich gerne mit ihnen durchgehen würde. Die erste Antwort war: „Das Personal nervt.“ Etwa, weil die Predigten langweilig sind.
Der klassische Sonntagsgottesdienst ist sicher vielen fremd, weil sie die Lieder nicht kennen und die Predigten manchen zu lang sind. Das könnte daran liegen, dass die Predigt oder die Auswahl der Lieder sich teils von den Lebenswelten derer, die da sitzen, entfernt haben. Der eine ist von einer Predigt enttäuscht, die andere gerade sehr angetan. Darauf versuchen wir natürlich zu reagieren. Wir machen darum zum Beispiel Gottesdienste mit sogenannten Lebensexperten, holen also den Metzger oder die Hebamme heran, um mit ihnen Gottesdienste zu gestalten. Dadurch binden wir die Lebenswelten der Menschen ein.

Ich finde genau solche Gottesdienste nervig. Da habe ich den Eindruck, dass Kirche sich anbiedert, anstatt darauf zu vertrauen, dass sie auf ihre Weise den Menschen etwas zu sagen hat.
Das ist vielleicht eine der Schwierigkeiten von Kirche: Die Erwartungen der Menschen an sie sind so unterschiedlich. Sie hat da nur die Möglichkeit, es nicht allen zugleich recht zu machen, sondern Vielfalt anzubieten; also einmal ein Choral-Gottesdienst und einmal einen mit Gospel.

Zurück zum Personal: Mir wurde gesagt, die Kirche sei voller Gutmenschen. Das nervt.
Das ist zugleich Stärke und Schwäche. Eine Stärke wenn unsichere Menschen eine Heimat in der Kirche finden können; eine Schwäche, wenn die Leute sich nicht mehr ihren eigenen Gefühlen stellen. Keiner ist immer nur Gutmensch. Auch Menschen in der Kirche haben mal eine dunkle Seele oder sind genervt von Dingen. Die Kirche bietet für ihre Aktiven zum Beispiel Supervision an, um das zu reflektieren. Es ist wirklich eine Aufgabe, nicht nur das Gutmenschensein, sondern auch die kirchliche Bindung nicht immer wie einen Schild vor sich herzutragen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Konflikte in der Kirche oft nicht ausgesprochen und in Gänze ausgetragen werden.

Das ist in der Tat auch ein Punkt, der nervt: „Kirche geht mit Konflikten schlecht um. Sie suggeriert, bei ihr könne nichts schief laufen, weil sie so heilig und gut ist.“
Das liegt daran, dass Konflikte mitunter nicht deutlich genug ausgesprochen werden und man sich oft nicht als Teil eines Konflikts erkennt. In den letzten Jahren ist in der Kirche jedoch das Thema Leitung immer wichtiger geworden. Eine gute Leitung zeichnet sich dadurch aus, dass sie Konflikte herausarbeitet und moderiert. Aber entsprechende Kurse werden immer mehr nachgefragt. Wir sind da auf einem guten Weg – auch wenn der lang ist. Ein Grund hierfür ist auch, dass sich die Rolle der Kirche ändert.

Inwiefern?
Vor 20, 30 Jahren hätten die Leute wohl eher nicht gesagt, dass die Kirche sie nervt. Das ist eine Chance für eine größere Wahrhaftigkeit.

Aber wie ändert sich die Stellung der Kirche?
Sie war eine Institution, die nicht hinterfragt wurde. Das hat sich verändert. Die Leute fragen heute, warum muss das so sein? Es gibt eine religiöse und kulturelle Vielfalt. Und sie erleben auch Versagen der Kirche. Sie ist nicht mehr unhinterfragt gut und wird dadurch stärker mit sich konfrontiert. Die Kirche tut gut daran, sich dem zu stellen.

Noch etwas das nervt: „Kirche macht Politik.“
Auch da muss differenziert werden. Das Evangelium ist politisch. Ich denke, die Leute sagen: „Wenn die Kirche zur Wirtschaft etwas sagt, soll sie lieber die Klappe halten. Davon hat sie keine Ahnung. Und zu Parteipolitik soll sie sich auch nicht äußern. Aber sehr wohl zu ethischen Fragen am Lebensende.“ In der sozialen Arbeit ist die Stimme der Kirche sehr gefragt; da wird sie als Partner wahrgenommen. Wo es um helfende, diakonische Anliegen geht, da ist die Kirche ganz vorne.

Das nächste Stichwort lautet: „Alter Kram“.
An der Kirche nervt alter Kram?

Kirche ist alter Kram, sie ist uralt, hatte mal ihre Berechtigung, ist heute aber überholt. Sie geht an den Menschen vorbei.
Solche Stimmen kenne ich. Alter Kram, nicht zeitgemäß, alte Themen. Zum Beispiel Schuld und Vergebung. Wo spielt das eigentlich in meinem Alltag eine Rolle? Doch ich mache die Erfahrung, dass sich das im Laufe eines Lebens verändern kann. Menschen, die in schwierige Situationen geraten oder Ältere, fragen schon, wo bin ich mit anderen im Unreinen, wo gibt es jemanden, der mir vergibt? Für Jüngere wirkt das sicher eher altbacken. Aber alter Kram sind auch die alten Kirchen – und die können auch Anziehungspunkte nicht nur für Touristen sein.

Wie begegnen sie dem? Wenn jemand einem sagt, was du machst, geht vollkommen an der Lebenswirklichkeit vorbei, kann der eigentlich einpacken.Völlig falsch wäre es, sich anzubiedern, etwa indem man seine Sprache ganz auf Jugend umstellt. Aber die Interaktion mit Rundfunk und Fernsehen, Konfirmandenarbeit mit Facebook und Twitter sind Wege. Es ist tatsächlich große Kunst, die alten Inhalte auf heutige Erfahrungen zu übertragen. Das versucht zum Beispiel eine gute Predigt und es geschieht in seelsorglichen Gesprächen.

Der Grat zum nächsten Nervigen, der „Anbiederei“, ist sehr schmal. Das „Kirchenkochbuch“ zum Beispiel, wurde mir gesagt, „nervt total“.
Da würde ich aber erst mal sagen, guck doch noch mal genauer rein. Denn dieses Kochbuch hat Rezepte für große Gruppen und den Aspekt der Nachhaltigkeit. Und außerdem ist es stark nachgefragt.

Ich kann diesen Punkt schon nachvollziehen – und würde in so ein Buch gar nicht erst hineinschauen. Es hat etwas von Schauspielern, die erst noch eine CD machen, dann malen und schließlich ein Kochbuch herausgeben.
Das ist die Ebene von Lutherbonbons gegen Halloween?

Ja.
Da stimme ich Ihnen sofort zu. Lutherbonbons gegen Halloween und der Versuch, die alten Claims wiederzubesetzen, nerven echt. Da kann man sich verrennen. Aber das Kochbuch finde ich gut. Doch ich kann Ihnen das Generve nicht absprechen. Es geht dabei wahrscheinlich um das Bild, die Kernbotschaft von Kirche. Und dass so viele Menschen so verschiedene Bilder haben. Dieses Kochbuch etwa hat sich richtig gut verkauft. Das eine darf aber das andere eben nicht ausschließen.

Was ebenfalls nervt, ist die „Nabelschau“, die Kirche ständig betreibt. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr debattierte die Synode ausgiebig die grammatische Frage, ob „des Propstes“ oder „des Propsten“ richtig ist.
Ich bin Synodaler, war also dabei. Man könnte hier zum Guten wenden, wenn es einmal geklärt ist, braucht man sich damit nicht mehr zu beschäftigen. Aber das Generve ist grundsätzlicher. Ich finde auch, dass diese Art von Nabelschau nervt. Doch manches ist nicht mehr so selbstverständlich, es gibt eine Suchbewegung in der Kirche. Die Kirche hat keinen Selbstzweck, sondern die Aufgabe, das Evangelium in der Öffentlichkeit zu verkündigen. Darum finde ich die Zusammenarbeit der Kirche mit Medien und Kultur so wichtig, denn da kommt immer wieder eine Außensicht hinzu. Wir haben aber eine Tendenz, dass Kirche sich zu sehr auf sich selbst bezieht.

Woran liegt das?
Wir haben gerade eine neue Nordkirche gegründet. Es war wichtig, neu zu definieren, welche Kirche wir sein wollen. Doch da muss jetzt ein Schalter umgelegt werden, wir müssen uns wieder mehr nach draußen orientieren.

Dazu passt das Stichwort „Vereinsmentalität“.
Das hängt in der Tat auch mit dieser Innenorientierung zusammen. Man muss ein bisschen Insider sein, um mitzukommen. Tendenz ist sicherlich an vielen Orten, dass an Neue der Anspruch gestellt wird, sich so zu verhalten, wie die definierten Regeln sind. Das ist aber nicht überall in der Kirche so. In Ortsgemeinden ist die Vereinsmentalität oft stärker ausgeprägt als etwa in den kirchlichen Arbeitsstellen wie der Krankenhaus- oder Notfallseelsorge. Und wenn man nun fragt, wie Kirche gegensteuern kann, würde ich sagen: Sie kann von sich selbst lernen, denn nicht überall ist Kirche gleich Verein. Und sie sollte sich kommunal vernetzen, also mit anderen Gruppen des Ortes etwas gemeinsam machen. Dann öffnet sich Kirche wie hier in Ratzeburg beim Kampf gegen Rechts.

Es gibt noch etwas Nerviges: der „Allwissenheitsanspruch“.
Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in dieser Botschaft: „Wir haben das Evangelium, das allen Menschen von der Wiege bis zur Bahre gilt.“ Sie enthält eine große Versuchung zu glauben, tatsächlich auf alles eine Antwort haben zu können. Die Kirche ist gut beraten, hin und wieder zu schweigen, zum Beispiel Menschen zu begleiten, ohne gleich eine Handlungsanweisung zu geben. Manchmal versucht die Kirche auf alles eine Antwort zu geben, weil die Menschen es gar nicht mehr erwarten; sie versucht es gerade deshalb. Da würde ich ihr oft wünschen, dass sie geschwiegen hätte. Es ist eine große Weisheit zu wissen, wo ich schweigen und wo ich reden muss. Vielleicht liegt gerade im Schweigen eine Kraft, weil die Stimme dann besser gehört wird.

Und schließlich nervt die Kirche, weil sie „ein Staat im Staate“ ist.
Auch das kann ich verstehen. Es hat historische Gründe: Die evangelische Kirche hat sich erst 1918 vom Staat getrennt – bis dahin war der Kaiser der höchste Bischof. Erst ab da entwickeln sich Kirche und Staat auseinander. Das war eine tiefe Erschütterung. Die Kirche hat darauf reagiert, indem sie sich mit Synoden und Kirchensteuern quasi staatlich organisiert hat. Doch vor allem hat sie den Rechtsstatus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erhalten wodurch sie zum Beispiel ein eigenes Arbeitsrecht hat. Dadurch kommt dieses „Staat im Staat“. Die Kirche ist sicher gut beraten, diese Dinge mittelfristig zu überdenken. Das ist ein Erbe, mit dem sie leben muss.

Heißt was?
Nicht zu glauben, zu allem etwas sagen zu müssen, es immer besser zu wissen, das wahre Gutmenschentum zu verkörpern.

Und damit schließt sich der Kreis...
Genau. Doch zugleich hat Kirche ein öffentliches Mandat. Insofern muss sie auch immer nerven, weil sie politisch etwas zu sagen hat, wenn sie ihrem prophetischen Auftrag nachkommt. Und das Evangelium hat immer auch eine politische Dimension. Insofern wäre eine Kirche, die nicht nervt, unsichtbar. Und sie wäre auch nicht Kirche. Eine Kirche, die nicht nervt, braucht keiner.

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