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Bildung : Ist das noch Mathe oder schon Spaß?

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Der schlechte Ruf der Mathematik: Hinrich Lorenzen und Malte Wellnitz kämpfen in Trainings-Camps und in der Lehrerausbildung gegen diesen an.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2013 | 10:53 Uhr

Flensburg | "Mathe macht glücklich" steht auf einer Postkarte, die im Gang der Abteilung für Mathematik und ihre Didaktik hängt. Prof. Hinrich Lorenzen, geschäftsführender Direktor, würde das unbedingt unterschreiben und auch sein Kollege Malte Wellnitz, der soeben seine Doktorarbeit abgegeben hat. Warum Mathe dennoch einen schlechten Ruf hat, wann dieser über das Fach hereinbrach und warum Menschen sogar mit null Mathe-Ahnung kokettieren, will den beiden Wissenschaftlern nicht einleuchten.
Wellnitz, der zehn Jahre lang das Fach am Alten Gymnasium unterrichtet hat, beobachtet ganz generell, dass "die Schule ein bisschen die Lust verloren hat, die schönen Seiten der Mathematik weiterzugeben". Deshalb versuchen die Dozenten, "angehende Lehrkräfte von der Faszination der Mathematik" zu überzeugen, erklärt Lorenzen. In der Regel dominierten in den Schulen algorythmische Gedanken, das bedeute, ein "Abspulen von Verfahrenstechniken", die beispielsweise 17 ergeben. Wenn die Rechnung nicht 17 ergebe, liege ein Verfahrensfehler vor, sagt der Mathematik-Professor. Jungen könnten so ein Vorgehen noch gut ertragen, aber Mädchen fragten, wozu sie das so machen sollten. Unter diesen sei es überdies verpönt, Mathe zu mögen, beobachten beide Wissenschaftler, während ein Faible fürs Fach unter Jungen gerade noch anerkannt sei, wenngleich schon seltsam.

Selbstvertrauen durch Mathe


"In der Schule merkt man, dass man eigentlich mehr Schüler dafür gewinnen könnte", sagt Wellnitz und bedauert, dass jedoch häufig "hoffnungsvolle Kandidaten durch die Trägheit der Masse" sich wieder ins Glied der Desinteressierten einreihen. Hinrich Lorenzen sagt: "Das ist vergleichbar mit dem Phänomen Fußball, das man gut finden muss - sonst gehört man nicht dazu." Beide stimmen darin überein, dass Mathe-Freunde in einer Gruppe Gleichgesinnter vorankommen. Deshalb bieten die Experten Trainingscamps und Mathe-Freizeiten für Talente zum Üben an und widmen sich mittels der Schülerakademie der "Breitenförderung". Als eine der wichtigsten Funktionen stellt Hinrich Lorenzen heraus, dass man "durch Mathe Selbstvertrauen gewinnen" könne.
Mit geschwellter Brust ist eine Delegation von elf Schülern und den beiden Wissenschaftlern gerade frisch aus Hamburg zurückgekehrt von der Bundesrunde der Mathematik-Olympiade. Sieben von ihnen landeten sogar auf einem Treppchen. Sehr typisch für die Aufgaben bei solchen Wettbewerben sowie für die Herangehensweise der Flensburger Lehrer-Ausbilder sei die sprachliche Komplexität, die vor allem das begriffliche Denken trainiere. Der Kieler Lorenzen berichtet von seinen acht Wochen, die er als Professor in einer Grundschule unterrichtet hat: Die Kinder fragten ihn teilweise, ob das noch Mathe sei, was er da lehre. Malte Wellnitz plädiert dafür, den Lehrplan nicht mit gewichtigen Stoffen zu überfrachten. "Harmlose, kleine Strukturen" seien oft geeigneter, interessante Fragen zu produzieren. Er wünscht den Schülern das Erlebnis, kraft des eigenen Geistes durch Überlegen ein Problem zu lösen. Für künftige Lehrer gelte Mathematik als "Hauptfach" häufig als Eintrittskarte in den Beruf, weil der Mangel riesig sei, sagt Lorenzen. "Wer das Studium geschafft hat, ist sicher, einen Arbeitsplatz zu finden", sagt der Professor. Er wünscht sich jedoch, dass sich Studierende auch aus anderen Gründen für diese Leidenschaft entscheiden.
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