Cold Water Challenge : Internet-Trend: Ärger um Wasserspiele der Feuerwehren

Spaß oder gefährliches Wagnis? „Cold Water Challenges“ wie hier auf Helgoland werden bei den Wehren  immer beliebter.
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Spaß oder gefährliches Wagnis? „Cold Water Challenges“ wie hier auf Helgoland werden bei den Wehren immer beliebter.

Der Feuerwehr-Landesverband warnt vor Spaß-Wettkämpfen – doch immer mehr Wehren in SH machen mit. Sie nominieren sich gegenseitig zu teilweise waghalsigen Aufgaben.

shz.de von
05. Juni 2014, 19:27 Uhr

Kiel | Auf Helgoland ist es eine Wasserschlacht zwischen Booten und Drehleiter, die Mitglieder anderer Wehren fahren im Schlauchboot durch die Waschanlage oder zeigen eine Feuerwehrfrau im roten „Einsatz-Bikini“. Hunderte von Videos, gedreht von Freiwilligen Feuerwehren, überfluten derzeit das Internet. Jetzt schlägt der Landesfeuerwehrverband (LFV) Alarm und mahnt die Stadt- und Kreiswehrführer, die sogenannten „Cold Water Challenges“ zu verbieten. „Wir betrachten die Entwicklung mit großer Sorge“, sagt LFV-Sprecher Holger Bauer. „Die Aktionen haben bedenkliche Ausmaße mit erheblichen Gesundheitsrisiken angenommen.“ So zeigten mehrere Videos Feuerwehrangehörige, die von zwei Seiten mit harten Wasserstrahlen aus Strahlrohren bearbeitet würden. Hauptbrandmeister Peter Schütt, Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbands: „Ich habe selbst einmal erlebt, wie einem Feuerwehrmann ein Strahlrohr aus der Hand geglitten ist. Der Wasserstrahl traf sein Auge, es kam zu schwersten Verletzungen.“ Neben der Unfallgefahr werde zudem kommunales Einsatzgerät zweckentfremdet, heißt es beim Landesfeuerwehrverband.

Erfunden wurde die „Kalt-Wasser-Herausforderung“ in Amerika. In Deutschland war die Idee zunächst mit einem Spendenaufruf für brandverletzte Kinder verbunden worden, doch mittlerweile geht es meist nur noch um den Spaß. Das Prinzip funktioniert wie bei einem Kettenbrief: Eine Ortswehr nominiert eine andere, die innerhalb von 24 Stunden einen verrückten Film drehen und ins Internet stellen muss. Wer nicht mitmachen will, muss den Herausforderer zum Grillen einladen.

Einige Wehren argumentieren, dass die Videos eine gute Möglichkeit zur Mitgliederwerbung seien. Andre Poser, Sprecher der Feuerwehr Bargfeld-Stegen (Kreis Stormarn): „Die Videos auf Youtube bringen uns mehr Werbung als alle Flyer-Aktionen, gerade wenn wir junge Leute erreichen wollen.“ Und Wehrführer Ronald Willmann fügt hinzu: „Die Atmosphäre bei der Challenge hat mich fasziniert. In kurzer Zeit so viele Leute zu motivieren, stärkt auch die Kameradschaft in der Feuerwehr.“ Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU), Schirmherr der Feuerwehr-Kongresse, sieht den Trend kritisch: „Ich halte ein landesweit organisiertes Konzept mit einer einheitlichen Werbelinie für wirksamer.“

Die Feuerwehrmänner aus Bargfeld-Stegen sind in den Dorfteich gesprungen, doch nicht alle Aktionen sind so ungefährlich. Gestern warnte die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord deshalb schriftlich: „Wir versichern Feuerwehrangehörige gegen Arbeitsunfälle. Der Rahmen für versicherte Tätigkeiten ist weit gesteckt, aber kennt doch Grenzen. Diese Grenzen werden derzeit vereinzelt durch die „Cold-Water-Challenge“ überschritten.  Grundsätzlich handelt es sich um eine reine Spaß-Veranstaltung, die nicht unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung steht.“

 

In  Kiel und im Kreis Pinneberg sind  „Cold Water Challenges“ bereits verboten. Gerhard Bock, Sprecher des Kreisfeuerwehrverbands Plön, hält davon nichts: „Es darf nicht in groben Unfug ausarten, dass sollte man doch aber hinbekommen.“ Laut  Peter Schütt, Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes, hat es im Norden noch keine Unfälle gegeben. Er sagt aber: „Es ist ein brandheißes Thema. Die Unfallkasse zahlt nicht, und die gesetzliche oder private Krankenkasse wird sich ihre Kosten zurückholen wollen. Man haftet also bei einem Unfall mit seinem Privatvermögen.“

Unterdessen schwappt die Nominierungswelle zurzeit durch Nordfriesland. Die Freiwillige Feuerwehr Tating erzählt in ihrem Clip etwa die Geschichte von vier jungen Feuerwehrmännern, die einen Übungsabend in Knotenkunde schwänzen und lieber Stockbrot am Deich essen. Die Sache fliegt auf, weil ihre Kameraden aufgrund „starker Rauchentwicklung am Deich“ ausrücken müssen.  Die Schwänzer geraten frontal ins Löschwasser.

Auch andere Hilfsorganisationen machen den Spaß mit. Mit einer Polonaise zieht etwa das Technische Hilfswerk (THW) Niebüll über einen hölzernen Steg – in voller Montur springt ein Mitglied nach dem anderem in den See. Der Herausforderung stellten sich unter anderen auch die Ladelunder Feuerwehr sowie die Sylter Wehren aus Westerland, Rantum, Hörnum und Tinnum. Die Westerländer stürzten sich dabei unerschrocken in die Fluten der Nordsee. Einen kleineren Pool hätten sie nicht gefunden, heißt es im Video.

Quietscheentchen, ein Gummi-Delfin, Schwimmringe und – aus unerfindlichen Gründen – ein Scheich. Die Bredstedter Kameraden haben sich extra kreativ kostümiert, bevor sie das kalte Wasser aus einem  ihrer Feuerwehr-Schläuche geduldig über sich niederregnen lassen. Sie nominierten unter anderen die Wehren aus Struckum und Bordelum. Während die Struckumer mit einer Einladung zum Grillen reagierten, akzeptierten die Bordelumer die Aufgabe. „Es ist eine spaßige Sache und darüber hinaus eine gute Möglichkeit, Werbung für die Feuerwehr zu machen“, sagt der Gemeinde- und Amtswehrführer Dirk Paulsen. Wichtig sei allerdings, dass niemand dabei zu Schaden komme.

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