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Marodes Bauwerk : Insider: Bau der Hochbrücke "schnell und billig"

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Ein heute 80-Jähriger war beim Bau der Rader Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal dabei und erinnert sich: Es musste schnell und billig gehen.

Die marode Rader Autobahnbrücke ist in Rendsburg und Umgebung das beherrschende Gesprächsthema. Der 80-jährige Jochen Jensen liest in der Zeitung alle Berichte über die Schäden und die Sanierungsarbeiten besonders genau. Er war in einer leitenden Position dabei, als die Brücke vor mehr als 40 Jahren gebaut wurde. Jetzt macht er sich so seine Gedanken zu den Vorkommnissen aus der Perspektive eines Insiders.
Seinen richtigen Namen will der alte Herr nicht veröffentlicht wissen, am Telefon aber erzählte er einige Details aus der Zeit des Brückenbaus zwischen 1969 und 1972. "Damals musste es vor allem schnell und billig gehen, " berichtete er.

Olympisches Segeln in Kiel sorgte für Zeitdruck

Der Zeitdruck kam von ganz oben. Grund dafür waren die Olympischen Spiele von 1972 mit den Segelwettbewerben vor Kiel-Schilksee. Für den Besuch aus aller Welt sollten die Autobahnen perfekt sein. Eine unfertige Brücke war auch aus Imagegründen für die Politik undenkbar." Und billig sollte es auch noch werden", erklärte der Experte aus der Erinnerung.
Das sei auch ein Grund dafür gewesen, dass beim Bau der Pfeiler eine neue Bauweise zum Einsatz kam, das Gleitverfahren. In 25-Zentimeter-Abschnitten sei der Baukörper aus Beton nach und nach erstellt worden. Eine schwierige Arbeit, wie der Experte erläuterte. "Es musste Tag und Nacht gearbeitet werden, bis ein Pfeiler fertig war. Es stand sogar immer ein Ersatzkran bereit, damit es keine Arbeitsunterbrechungen gab."

"Alles tüchtige Leute"

Diese Sorgfalt war notwendig, um die Stabilität der Pfeiler nicht zu gefährden: "Wenn die untere Betonschicht zu trocken war und mit der nächsten Schicht begonnen wurde, konnten sich Risse bilden."
Der alte Herr nimmt seine Arbeitskollegen von damals in Schutz: "Das waren alles tüchtige Leute. Aber man muss auch bedenken, dass der Brückenbau eine sehr komplizierte Angelegenheit war, die damals größte Baustelle dieser Art in Europa." Er zögert deshalb auch von Pfusch am Bau zu sprechen. Nur so viel: "Man sollte bei der Vergabe der Arbeiten nicht unbedingt dem billigsten Anbieter den Zuschlag geben. Das kann sehr teuer werden."

Es musste Gewicht gespart werden

Aber neben Zeit- und Kostendruck gab es noch mehr Schwierigkeiten: Zum Beispiel die elegante Form des Bauwerks. "Das führte dazu, dass überall mächtig an Gewicht gespart werden musste."
Dass die Betonköpfe der Brückenpfeiler nun zerbröseln, will der Maurermeister nicht wahrhaben. "Davon habe ich nur einen in der Zeitung gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es überall so aussieht. Die sind schließlich aus Vollbeton."
Verantwortlich für die Schäden macht der Mann, der in der Nähe von Rendsburg wohnt, trotz Zeitdruck und Sparwut vor allem den Verkehr. "Für die heutigen Belastungen ist die Brücke einfach nicht ausgelegt. Es hat sich damals auch niemand vorstellen können, wie der Straßenverkehr zunimmt, und wie schwer die Lastzüge werden, die über die Brücke fahren."

Am liebsten einen Tunnel

Die Belastungen seien so stark, dass die Brücke insgesamt beinahe schon zwangsläufig beschädigt werde. "Die großen Lkw machen die Brücke kaputt." Für ihn gibt es jetzt nur eine Lösung: Sofort neu bauen. Am liebsten einen Tunnel für Schienen und Straße. Und zwar nicht zu schnell und zu billig.

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erstellt am 03.Aug.2013 | 06:16 Uhr

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