Ausbildungspark Blankensee : Insel für glückliche Auszubildende

Die Wasserwaage im Blick: Tobias Kreusch (17), erstes Lehrjahr, lässt sich im Ausbildungspark zum Maurer ausbilden.
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Die Wasserwaage im Blick: Tobias Kreusch (17), erstes Lehrjahr, lässt sich im Ausbildungspark zum Maurer ausbilden.

Es ist eines der schönsten Konversionsprojekte des Landes: Eine Innung kauft eine alte Kaserne und baut sie zum Lern- und Lebenszentrum für junge Menschen um.

shz.de von
28. Juni 2011, 07:36 Uhr

lübeck | "Auf so eine verrückte Idee ist in ganz Deutschland noch niemand gekommen", sagt Bertold Möller. Damit meint der langjährige Obermeister der Lübecker Bau-Innung den Ausbildungspark Blankensee bei Lübeck. Verrückt und risikoreich war es tatsächlich, vor gut 15 Jahren die imposante Immobilie der ehemaligen Hanseatenkaserne mit 35 Gebäuden auf 22 Hektar Land neben dem Flughafen Blankensee vom Bundesvermögensamt zu kaufen. Zumal die damaligen Innungs-Hauptverantwortlichen dafür persönlich in die Haftung gingen - auch Bertold Möller. Belohnt wurde der Mut durch schwarze Zahlen und einen einzigartigen Ausbildungspark, in dem täglich mehr als 1000 junge Menschen zusammen leben, arbeiten und lernen - für ihren künftigen Beruf und fürs Leben.
Für die Gemeinschaft anpacken, Zuverlässigkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, anderen Menschen und dem Mobiliar in den Unterkünften mit Respekt begegnen - all das zählt zu den alltäglichen Selbstverständlichkeiten im Ausbildungspark. Auch für die schweren Jungs vom Bau. Gleich im Sechserpack betreten die kräftigen Schränke in schwarzen Klamotten und mit kurz geschoren Haaren in der Mittagspause den Laden des Parks. Brav und geduldig reihen sich die künftigen Zimmermänner in die kleine Schlange ein, bitten als sie dran sind Katy Gelfahrt höflich um belegte Brötchen und heißen Kaffee. Auch Katy Gelfahrt ist Azubi, im zweiten Lehrjahr zur Einzelhandelskauffrau. "Es ist prima hier, und macht viel Spaß, bei der Arbeit mit so vielen jungen Leuten zu tun zu haben", sagt sie.
Von Mosaik bis Stahlbeton
"Unser erstes Ziel lautet, jeden jungen Menschen ausbildungsfähig zu machen", betont Möller. Darauf achten die Ausbilder, aber auch die Betreuer für diejenigen, die den Park nicht gegen Abend verlassen, sondern in einem der Internate übernachten. "Minderjährige müssen spätestens um 22 Uhr in ihren Ein- oder Zweibettzimmern sein. Das klappt prima. Die Stimmung ist locker und friedlich", sagt Innungsgeschäftsführer Tim Gaertner. Rund 250 Arbeitsplätze wurden im Ausbildungspark selbst geschaffen. Geleitet wird er von einer Betreibergesellschaft.
Nicht nur die Bau-Innung bildet in den roten, von hohen Bäumen umwachsenen Backsteinbauten und Hallen ihre Zimmermänner, Maurer, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Tief-, Straßen-, Beton- und Stahlbetonbauer aus. Zum Netzwerk der Bildungsträger zählen unter anderem die Akademie der Hörgeräte-Akustiker, die Berufsschule der Dachdecker, das Grone Bildungszentrum und das Bugenhagen Berufsbildungswerk. Das DRK betreibt einen gut besuchten Kindergarten mit drei Gruppen. Drei Viertel der Gesamtgebäudefläche von 40.000 Quadratmetern nutzt die Bau-Innung selbst. Der Rest ist komplett vermietet.
Nur wenige Abbrecher
Körper und Seele austoben - auch dazu besteht im Ausbildungspark ausreichend Gelegenheit. Sporthalle, Kraft-Raum, Skater-Kurs oder Trimm-Dich-Pfad bieten allen Parknutzern die Chance, etwas für sich zu tun - auch den wenigen jungen Frauen, die sich für einen handfesten Beruf entschieden haben. Die haben einen ziemlich guten Stand, verraten die Ausbilder. Durch ihre natürliche Autorität und weil sie in der Regel gründlicher und schneller arbeiten als die männlichen Bau-Azubis.
Der komfortable Rund-um-Ausbildungsservice in attraktiver Naturlage sichert der Branche einen gut qualifizierten Nachwuchs - und gleicht viele soziale Defizite aus. Denn unter den Auszubildenden und Umschülern sind viele schwierige Fälle. Wie hoch ist die Abbrecherquote? "Praktisch Null", sagen Gaertner und Möller - mit berechtigtem Stolz. Auch das dürfte bundesweit einmalig sein.
(wer, shz)

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