zur Navigation springen

Bakterienbefall : In SH sterben die Kastanien

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ein Bakterium hat jeden zehnten Kastanienbaum in Schleswig-Holstein befallen – ein Rezept gegen die Krankheit gibt es nicht.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2014 | 13:13 Uhr

Kiel | In Schleswig gibt es eine, in Reinfeld, Timmendorf und an vielen anderen Stellen im Land – Kastanienalleen üben seit Jahrhunderten eine Faszination auf die Menschen aus, die ganze Straßenzüge nach den hohen rot oder weiß blühenden Bäumen benannt haben. Doch das könnte bald Schnee von gestern sein. „In den kommenden fünf Jahren wird bei uns in Norddeutschland ein großer Teil der Kastanien absterben“, prophezeit Professor Dirk Dujesiefken, Leiter des Instituts für Baumpflege in Bergedorf. Nach dem Ulmen- und Eschensterben nun also das Kastaniensterben.

Nicht etwa die häufig beschriebene Miniermotte, sondern ein aggressives Bakterium namens Pseudomonas syringae setzt den Kastanien so stark zu, dass sie eingehen. Nachgewiesen wurde es erstmals 2007 im Norden. Seit etwa drei Jahren breitet es sich auch in Schleswig-Holstein ständig weiter aus, bestätigt eine Mitarbeiterin der Landesforsten Schleswig-Holstein in Neumünster. Heike Nitt, Pflanzenschutz-Expertin der schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskammer, geht davon aus, dass inzwischen jeder zehnte Baum befallen ist. Betroffen ist nach neusten Erkenntnissen auch die vier Kilometer lange, denkmalgeschütze Allee zum Gut Emkendorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Sie gehört zu den schönsten in ganz Schleswig-Holstein. Und auch auf Gut Kletkamp von Graf Brockdorff in der holsteinischen Schweiz hat das Killerbakterium offenbar schon zugeschlagen.

Es stammt aus Indien, hat sich über England und Holland jetzt auch in Deutschland ausgebreitet. „An Wund- und Schnittstellen greifen die Pseudomonas-Bakterien die Baumrinde der Rosskastanie an, so dass sich holzzerfressende Pilze im Baum festsetzen können“, beschreibt Nitt den Verfall. Zunächst gibt es dunkle Leckstellen, dann färbt sich das Laub gelb, dann verfault der Baum von innen und stirbt ab – der Todeskampf dauert mitunter gerade mal ein Jahr, begonnen hat der Prozess aber meist schleichend, bevor man den Befall überhaupt bemerkt. 

Die holzzerstörenden Pilze verursachen in den befallenen Bereichen eine Fäule, wodurch die Verkehrssicherheit der Bäume beeinträchtigt wird. Beispiel Rellingen bei Pinneberg: 35 Rosskastanien prägten den Charakter der dortigen Taubenstraße. Seit wenigen Monaten sind sie verschwunden: Die Kommune hat sich für Kahlschlag entschieden. Auch in Eckernförde, in Strande bei Kiel und in Plön gibt es solche Fälle. „Das Problem haben wir landesweit, keine Region ist ausgeschlossen“, berichtet Nitt. „Das kann man nicht mehr stoppen.“ Nur in seltenen Fällen hat ein Baum genügend eigene Abwehrkraft, um dem Eindringling zu trotzen. Feuchtigkeit und Schwüle fördern deren Verbreitung.

Wie sich der Erreger ausdehnt, ist unklar. Insekten können die Bakterien auf andere Bäume übertragen. Vielleicht sind es auch Vögel. Es reicht aber auch der Wind, erklärt Prof. Dujesiefken. Noch ist er deshalb relativ ratlos, wie man das Killerbakterium auf seinem Weg von West nach Ost bremsen kann. „In Deutschland hatten wir die ersten Fälle in Nordrhein-Westfalen, jetzt ist ganz Schleswig-Holstein betroffen und bald auch der Osten.“

Einen direkten Zusammenhang zur Miniermotte gibt es wohl nicht, außer vielleicht, dass die Bäume durch den Mottenbefall zusätzlich geschwächt werden und dadurch empfänglicher für einen Befall sind. Gut gemeinte Ratschläge, das Laub zu verbrennen und die Sägen nach Gebrauch zu desinfizieren, könnten nicht schaden meint, der Professor. Ob sie helfen, ist aber fraglich. „Deshalb sollen sich alle darauf einstellen, dass in diesem Winter viel gesägt wird, und im nächsten dann wieder.“ 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert