Schwund von Schwimmbädern : Immer weniger Kinder in SH lernen Schwimmen

Viele Kommunen im Norden müssen ihre Bäder schließen. Das hat Folgen für den Nachwuchs.

shz.de von
01. Juli 2015, 19:58 Uhr

Im Land zwischen den Meeren lernen immer weniger Kinder Schwimmen. „Wartezeiten für Anfängerkurse von zwölf bis 18 Monaten sind keine Seltenheit,“ sagt Thies Wolfhagen, Landesgeschäftsführer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG).

Nach einer DLRG-Erhebung können 45 Prozent der Kinder nach ihrer Grundschulzeit nicht sicher schwimmen. Die landesweite Zahl der Anfänger-Prüfungen ist in den letzten zwei Jahren um 15 Prozent gesunken: von 2828 im Jahr 2012 auf 2397 im vergangenen Jahr. Allerdings ist die DLRG nur ein Anbieter von mehreren.

Eine der Ursachen sei ein kontinuierlicher Schwund von Schwimmbädern. Wolfhagen und der Geschäftsführer des Gemeindetags, Jörg Bülow, sind sich einig: Nachdem in den 70er Jahren dank eines Förderprogramms Hallen- und Freibäder wie Pilze aus dem Boden schossen, erreichen sie jetzt die Grenze ihrer Lebensdauer. Die Kommunen müssten viel Geld investieren – oder die Anlagen stilllegen.

Hinzu komme, so Bülow, dass sich massiv gestiegene Energiekosten in Bädern viel stärker bemerkbar machten als etwa in Schulgebäuden. Für fast alle Kommunen sind Frei- oder Hallenbäder ein Zuschussgeschäft. Beispiel Lübeck: Die drei großen Bäder bescheren der Hansestadt jährlich ein Minus von mehr als vier Millionen Euro.

Ganze Regionen sind daher inzwischen ohne Hallenbad. So etwa Kappeln: seitdem zum Jahreswechsel ein zunächst mühsam weiter betriebenes einstiges Marinebad dichtgemacht wurde, müssen die Bürger 30 bis 40 Kilometer Fahrt nach Eckernförde, Schleswig oder Flensburg auf sich nehmen. Eine Erhebung des DLRG-Bundesverbands verzeichnet für Schleswig-Holstein in den letzten sieben Jahren mindestens elf Bäder-Schließungen. An mindestens 27 weiteren Standorten im Land wurde im selben Zeitraum der Bestand aus Kostengründen zumindest hinterfragt.

„Nicht nur Schwimmenlernen im Verein wird schwieriger, weil die Wege zu den Bädern lang werden“, sagt Wolfhagen. „Die zeitaufwändigen Fahrten lassen sich auch schwerer in den Schulalltag integrieren, so dass der Schwimmunterricht abnimmt. Ob man schwimmen kann, wird damit eine soziale Frage“, stellt der DLRG-Geschäftsführer fest. „In besser gestellten Familien bemühen sich die Eltern eher, für ihr Kind doch irgendwo einen Platz in einem Kurs zu ergattern.“ Diese Spaltung sei „erschreckend“. Sein Appell an die öffentliche Hand: „Schwimmen gehört zur Daseinsvorsorge.“

An einigen Standorten hat sich die Kommunalpolitik jüngst gegen den Trend eindeutig zum Erhalt ihrer Bäder bekannt, etwa in Rendsburg oder Husum. In Neumünster wollen die Stadtwerke gar elf Millionen Euro ins Bad am Stadtwald stecken; in Kiel entsteht ein neues Sport-und Freizeitbad für rund 25 Millionen Euro. Auf der anderen Seite kämpft in der Landeshauptstadt eine Bürgerinitiative um den Erhalt des Freibades Katzheide mit jährlich mehr als 30.000 Besuchern.

Um den Kommunen zu helfen, hat das Land jetzt erstmals ein Förderprogramm über zwei Millionen Euro zur Sanierung von Schwimmbädern aufgelegt.

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