Zur Entbindung aufs Festland : Immer weniger Geburten auf Sylt

Viele Kinder kommen auf dem Festland auf die Welt. /Archiv
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Viele Kinder kommen auf dem Festland auf die Welt. /Archiv

Geburtsort Helgoland, Norderney oder selbst Sylt: Das wird künftig selten werden. Auf den Inseln fehlt es an Geburtshilfe, werdende Mütter müssen aufs Festland. Gegen den Trend stemmt sich Föhr.

shz.de von
12. November 2013, 09:21 Uhr

Sylt | Das eigene Kind dort zur Welt bringen, wo man wohnt – das wird auf deutschen Inseln immer seltener. Helgoländer Kinder etwa erblicken schon seit 2004 das Licht der Welt auf dem Festland. Haftungsprobleme und fehlende Fachärzte auf Deutschlands einziger Hochseeinsel hätten dazu geführt, sagte Helgolands Bürgermeister Jörg Singer. Die örtliche Paracelsus-Klinik biete eine kostenfreie Übernahme in ein Krankenhaus auf dem Festland und Unterbringung an. 2006 erfolgte ein Beschluss des Ministeriums in Kiel.

„Dem Einwand der Gemeinde Helgoland gegenüber Klinik und Land, dass eine Geburt zur Grundversorgung gehört, wurde nicht gefolgt“, berichtete Singer. Die jährlich etwa acht bis zehn Geburten finden seitdem auf dem Festland statt. Dorthin reisen Mütter und manchmal auch die Väter meist zwei bis drei Wochen vor dem Termin.

Auf Sylt wird gerade eine Lösung gesucht, nachdem die Nordseeklinik in Westerland aus rechtlichen Gründen die Berufshaftpflicht für Belegärzte nicht mehr übernehmen kann. Ein Vertrag, in dem die Übernahme noch enthalten war, laufe nun aus, sagte Franz Jürgen Schell, medizinischer Pressesprecher der Asklepios Kliniken, zu denen auch die Nordseeklinik gehört. Außerdem habe sich der Versicherer in Deutschland aus der Klinikversicherung zurückgezogen. Die Übernahme der Haftpflicht würde aufgrund neuer Antikorruptionsgesetze nun als Gewährung eines materiellen Vorteils gelten. „Dazu haben wir extra ein juristisches Gutachten eingeholt.“

Gleichzeitig kann Schell verstehen, wenn ein Arzt – wie in Westerland geschehen – dann sage, die Geburten rentierten sich nicht mehr für ihn. Es sei die Frage, ob Ausnahmeregelungen geschaffen werden müssten für Regionen wie Sylt, die aufgrund ihrer geografischen Lage besonderes Interesse am Erhalt von Geburtshilfestationen haben. Dazu kommt, dass einer der beiden Gynäkologen nur noch Urlaubsvertretung machen möchte. „Ergo muss der verbleibende Arzt an 335 Tagen allein eine 24-Stunden-Rufbereitschaft abdecken.“ In den vergangenen Jahren gab es etwa 80 bis 100 Geburten pro Jahr in der Nordseeklinik.

Sylt ohne Geburtshilfestation? Für Bürgermeisterin Petra Reiber undenkbar. „Meine Hoffnung ist ganz einfach, dass die Klinik entweder andere Gynäkologen findet oder dass es doch noch zu einer Einigung zwischen dem Gynäkologen und der Klinik kommt.“ Sollte es anders kommen, „fürchte ich, dass wir hier auf der Insel keine Geburten mehr haben werden“. Müsste gegebenenfalls juristisch etwas geändert werden? „Unbedingt“, sagte die Bürgermeisterin. Heute will sich die Klinikleitung mit der Kieler Gesundheitsstaatssekretärin treffen, um eine Lösung zu finden.

Insel-Babys als absolute Ausnahme? Im Nachbar-Bundesland Niedersachsen ist dies bereits so. So können auf der ostfriesischen Insel Norderney seit gut einem Jahr keine Babys mehr zur Welt gebracht werden. Das städtische Krankenhaus musste die Geburtshilfe-Abteilung schließen, weil der Belegarzt seine Tätigkeit in der Klinik aufgab. In der Vergangenheit waren jährlich etwa 60 Kinder pro Jahr auf der Insel geboren worden, zuletzt aber nur noch 30 bis 40. Der Geburtsort Norderney wird sich in Zukunft nur noch in Ausnahmefällen in Personalausweisen finden.

„Es passiert immer mal, dass ein Kind schneller als geplant kommt. Nach der Schließung der Geburtshilfe gab es schon eine Notgeburt auf der Insel“, berichtete Bürgermeister Frank Ulrichs. In der Krankenhausplanung für Niedersachsen ist theoretisch noch ein Geburtshilfe-Bett für Norderney vorgesehen. Auf den anderen Inseln gibt es nie ein solches Angebot. „Die Frauen, die entbinden, sind schon immer aufs Festland gegangen“, sagte der Vize-Geschäftsführer der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Helge Engelke.

Eine Insel der seligen Gebärenden ist dagegen noch Föhr. Die Inselklinik Föhr-Amrum in Wyk bietet den Insulanern noch Geburten im gewohnten Umfeld – die Zahlen steigen sogar, sagte ein Sprecher des Klinikums Nordfriesland, zu dem die Inselklinik gehört. 50 Geburten waren es bislang 2013. Den Versicherungsbeitrag übernimmt die Klinik – 40 000 Euro pro Jahr und Arzt. Eine Belegärztin gibt es, die Vertretung übernimmt ihr Mann. „Wir haben keinen Damm wie Sylt, und viele Menschen, die versorgt werden müssen.“


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