Kindererziehung : Immer mehr Eltern sind überfordert

Die Zahl überforderter Eltern in Schleswig-Holstein ist zwischen 2005 und 2010 stark gestiegen. Foto: dpa
Die Zahl überforderter Eltern in Schleswig-Holstein ist zwischen 2005 und 2010 stark gestiegen. Foto: dpa

Die Ausgaben für Kinder- und Jugendhilfe steigen deutlich. Das "Jahrbuch Kinderschutz" zeigt, dass immer mehr Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind.

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02. Oktober 2012, 12:49 Uhr

Kiel | Eltern sind offenbar immer öfter mit ihren Erziehungsaufgaben überfordert. Darauf deuten Zahlen des Statistikamts Nord zur Jugendhilfe hin. Binnen fünf Jahren hat sich der Einsatz sozialpädagogischer Familienhelfer fast verdreifacht: Waren sie 2005 erst in 825 Fällen tätig, schickten die Jugendämter der Kreise und kreisfreien Städte sie 2010 bereits in 2109 Haushalte. Im Durchschnitt blieben die Unterstützer 15 Monate (2010).
Die Behörden setzen die Pädagogen vor allem bei Kindern bis zu sechs Jahren ein, wo das Bemühen im Vordergrund steht, eine Trennung von den Eltern zu vermeiden. In der Regel ballen sich in Familien, die einen solchen Helfer an die Seite gestellt bekommen, emotionale, soziale und ökonomische Probleme. So stellt es das "Jahrbuch Kinderschutz 2011" des Kieler Sozialministeriums fest, das die Zahlen veröffentlicht hat. 73 Prozent dieser Familien bezogen demnach zugleich staatliche Transferleistungen.
1960 wurden aus Familien genommen
Mehr als verdoppelt haben sich in den fünf Jahren die Inobhutnahmen - wenn ein Kind bei akuten Krisen mindestens vorübergehend aus seiner Familie genommen wird: von 843 im Jahr 2005 auf 1960 im Jahr 2010. Besonders steil ging die Entwicklung bei den über Zwölfjährigen nach oben, was Experten nur zum Teil damit erklären, dass zunehmend unbegleitete Flüchtlinge aufgegriffen werden.
Eine deutliche Aufwärtstendenz gibt es auch bei der Unterbringung in Pflegefamilien: von 2606 Kindern im Jahr 2005 auf 3106 Kinder 2010. Bei der Unterbringung im Heim ziehen die Zahlen ebenfalls an: von 1639 Kindern und Jugendlichen 2005 auf 1836 Betroffene 2010. Im Landesmittel erstreckt sich der Aufenthalt auf 23 Monate.
401 Anträge auf Entziehung des Sorgerechts
Beim einschneidendsten Mittel bei Erziehungsschwierigkeiten, dem Entzug des Sorgerechts, geht die Kurve ebenso nach oben. Die Jugendämter haben dies in Schleswig-Holstein bei den Familiengerichten 2006 363-mal beantragt, 2010 401-mal. Allerdings kam die Justiz dem nur in 55 Prozent der Fälle nach.
Offenbar gebe es zusehends weniger Großeltern und Freunde im Umfeld von überlasteten Familien, die bei der Erziehung zur Seite stehen, stellt die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Irene Johns, fest. "Der eigentliche Erziehungsauftrag wird immer seltener von den Familien und mehr und mehr vom Staat wahrgenommen", sagt der Vorsitzende des Landkreistags, Ostholsteins Landrat Reinhard Sager. Er macht auf "erhebliche Kostensteigerungen" aufmerksam, "die die Haushalte belasten": Die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe klettern in Schleswig-Holstein von 655,4 Millionen Euro 2005 auf 770,1 Millionen Euro 2010. Oder - umgerechnet pro Einwohner - von 209 auf 239 Euro pro Jahr.

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