Suchtprobleme : Immer mehr Ältere greifen zur Flasche

„Ein Viertel der Über-60-Jährigen und jeder siebte Pflegebedürftige hat ein Suchtproblem.“
„Ein Viertel der Über-60-Jährigen und jeder siebte Pflegebedürftige hat ein Suchtproblem.“

Alkohol, Medikamente, Drogen: Jeder Vierte über 60 Jahren hat ein Suchtproblem. Ärzte erkennen das bei älteren Patienten nur selten.

Avatar_shz von
18. November 2013, 07:02 Uhr

Es geschieht oft im Verborgenen: Immer mehr ältere Menschen greifen zur Flasche oder zur Pillendose. Deshalb schlagen Suchtberater Alarm: „Ein Viertel der Über-60-Jährigen und jeder siebte Pflegebedürftige hat ein Suchtproblem“, sagt Silke Willer vom Suchthilfezentrum Schleswig. Das Problem werde selten erkannt. 2012 waren nur knapp zehn Prozent der Ratsuchenden bei der ambulanten Suchthilfe im Norden über 56 Jahre alt. Studien zeigen, dass Ärzte alkoholbezogene Störungen bei jüngeren Patienten zu 60 Prozent erkennen, bei älteren aber nur zu 37 Prozent.

„Die Gefahr wird unterschätzt“, sagt Willer. „Es gibt immer mehr ältere Suchtkranke“, meint Manfred Ritter aus Schleswig, der die einzige Selbsthilfegruppe für Menschen über 50 Jahren in Schleswig-Holstein leitet. Der Bedarf sei viel größer, allerdings sei es schwer, an die Süchtigen heranzukommen. Im Alter gebe es besondere Probleme, die Menschen abrutschen lassen, so Ritter. „Das kann der Verlust des Partners sein, durch den die Menschen einsamer werden. Es kann aber auch das Ende des Arbeitslebens sein, das bei vielen eine Leere hinterlässt.“ Vielen Menschen gehe die Tagesstruktur verloren, dazu fehle die Bestätigung, die sie im Job bekamen. „Häufig sind sich Ältere nicht bewusst, wie leicht sie abhängig werden können“, sagt Willer. Gerade die Kombination von Alkohol und Medikamenten sei fatal.

Oft würden von verschiedenen Ärzten verschiedene Medikamente verschrieben – und das über einen längeren Zeitraum, so Willer. Die Sucht im Alter sei auch für Angehörige, Freunde, Nachbarn oder Pflegedienste nicht leicht zu erkennen. „Wenn Oma stürzt, tüdelig wird oder ihr Äußeres vernachlässigt, kann das auch eine Alters- oder Krankheitserscheinung sein“, sagt Willer. Aber genauso gut könne dies mit der falschen oder überdosierten Einnahme von Medikamenten oder zu starkem Alkoholgenuss begründet sein. Gerade bei Medikamenten sei die Suchtgefahr groß, viele Ältere kämen ohne Schlaf- und Beruhigungsmittel nicht mehr aus.

Um die Menschen aufzuklären, hat Willer in dem Projekt hunderte von Pflegern im Norden geschult. Die würden jetzt genauer darauf achten, was Ältere brauchten. Dadurch sinke die Zahl der Medikamente, die den Menschen verabreicht würden.

Doch nur die Menschen in der Pflege zu erreichen, sei zu wenig. Willer plädiert dafür, auch in Apotheken zu informieren, denn eines sei klar: „Ältere Menschen zögern, in die Suchtberatung zu gehen. Wenn sie das Problem aber einmal erkannt haben, arbeiten sie oft zielstrebiger an einer Lösung als Jüngere.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen