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Paliativstation in Neumünster : Im Sterben nicht allein gelassen

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Auf der Palliativstation des Friedrich-Ebert-Krankenhauses Neumünster werden unheilbar Kranke medizinisch betreut und seelsorgerisch begleitet.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2014 | 07:00 Uhr

Neumünster | Die Kerze auf der kleinen Kommode im Flur brennt nicht, um behagliche Stimmung an einem trüben Novembertag  zu verbreiten. Wenn Schwester Julia oder eine ihrer Kolleginnen sie entzündet, ist das ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass ein Mensch gestorben ist.

Auf der Palliativstation des Friedrich-Ebert-Krankenhauses  (FEK) in Neumünster ist der Tod immer gegenwärtig  – offen gehen Krankenschwestern und Arzt mit ihm um, gemeinsam mit ihren Patienten und deren Angehörigen. In einer Umgebung, die Ruhe ausstrahlt und Geborgenheit vermitteln möchte: gedämpftes Licht statt Neonröhren, eine Sitzgruppe im Eingangsbereich hinter der schweren Holztür. Eine Küchenzeile und ein Wohnzimmer mit Esstisch und Couchgarnitur, Bücherregal und Fotografien gehören zu der Station, auf der fünf unheilbar kranke Menschen zeitgleich betreut werden können.

„Wir schlagen mit unseren Patienten einen neuen Weg der Therapie ein, nachdem der bisherige leider erfolglos geblieben ist“, sagt der Anästhesist und Schmerzmediziner Dr. Klaus Wittmaack. „Die Hoffnung,  gesund zu werden, gibt es nicht mehr.“ Aufgabe der Palliativmedizin sei es, eine andere  Hoffnung zu erfüllen: die auf ein Sterben, das sich weitestgehend ohne Schmerzen vollzieht. Und das sei möglich, sagt Wittmaack, der die Station seit zwölf Jahren leitet. „In den meisten Fällen können wir es zusichern.“ Doch es gebe  Grenzen, räumt er ein, „Fälle, in denen wir es nur zum Teil  schaffen.“

Etwa 95 Prozent seiner  Patienten  haben Krebs im Endstadium; andere  leiden unter  Erkrankungen der Lunge oder des Nervensystems. Aufgabe von Wittmaack und seinem Team ist es, ihre Symptome – zu denen neben Schmerzen auch Atemnot, Übelkeit oder Verwirrtheit gehören –  zu lindern, Angehörigen und  Sterbenskranken   zu helfen, die Situation zu verarbeiten. „Wir möchten ihnen Lebensqualität in ihrer letzten Lebensphase ermöglichen.“

Palliativversorgung: 120 betten in  Schleswig-Holstein
Palliativversorgung: 120 betten in Schleswig-Holstein

Bestrahlungen können Tumorkranken mehr Beweglichkeit verschaffen, Medikamente Schmerzen lindern. Doch was hilft gegen die Angst? Zuhören, sagt Wittmaack, sich Zeit zu nehmen, den Patienten in seiner meist langen Krankheits- und Leidensgeschichte zu verstehen. Und ihm ehrlich klar zu machen, wo er steht und welche Möglichkeiten es gibt. „Oft sind  Patienten geschockt oder verzweifelt. Bei vielen  ist die Unsicherheit groß. Auch, weil ihnen vorher niemand genau erklärt hat, wie es um sie steht und  womit sie rechnen müssen.“ Eine zugewandte, offene Haltung  schaffe Vertrauen – die Basis, auf der sich  Angst  in Zuversicht wandeln könne.   Die Patienten  sollen sich geschützt fühlen – entsprechend dem lateinischen Wort „pallium“ (Mantel), von dem der Begriff der Palliativmedizin abgeleitet ist.

Drei Seelsorger, eine Psychoonkologin und ehrenamtliche Mitarbeiter der Hospiz-Initiative Neumünster begleiten die Kranken, die im Schnitt zwei Wochen auf der Station verbringen, und ihre Familien. Auch bei der oft schwierigen Entscheidung, vor der etwa 60 Prozent der Patienten stehen: Wie  es nach dem Klinikaufenthalt weitergehen soll, ob eine Pflege zu Hause möglich oder ein Hospiz oder Pflegeheim  die Alternative ist. „Die Meisten wünschen sich, zu Hause zu sterben. Doch oft ist das nicht möglich, weil die Angehörigen die Pflege nicht leisten können“, sagt Wittmaack. Umso dringender sei der Ausbau vor allem der ambulanten Palliativversorgung. Auf der FEK-Station sei die Nachfrage nach Plätzen groß, die Bettenzahl soll auf acht erhöht werden. 40 Prozent der Patienten versterben dort.

Sie begleiten zu dürfen, erlebt Palliativschwester Julia Hertz-Kleptow als  Bereicherung. „Manche  Patienten möchten ungeklärte Dinge loswerden oder sich darüber austauschen, was sie nach dem Tod erwartet“, erzählt die 42-Jährige. Zuhören, die Hand des Sterbenden halten, „ein Gegenüber sein in solchen intimen Momenten – darum geht es“. Jeder Tod sei eine Lehrstunde.  Auch für die Angehörigen, von denen die meisten noch nie das Sterben miterlebt, nie einen Toten gesehen haben.

 Der Gesprächsbedarf ist groß, sagt Wittmaack. Wenn ein Mann sich sorgt, weil  seine Frau nicht mehr essen möchte, eine Tochter verängstigt ist vom plötzlich rasselnden Atem ihrer sterbenden Mutter, „dann erklären wir, dass so etwas normal ist in den letzten Tagen oder Stunden“. Die letzte Zeit – sie sei kostbar, betonen Arzt und Krankenschwester. Zur Klärung, zum Abschied nehmen. Und manchmal zum Nachholen von Versäumtem. Julia Hertz-Kleptow  berichtet von einer älteren Dame, deren  Freundinnen das Wohnzimmer der Station mit ihren Nähmaschinen belagerten, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen: eine Patchworkdecke für jedes ihrer vier Kinder. Und von der Patientin aus der ehemaligen DDR, die sich ein christliches Fest wünschte: Für sie wurde ein Altar aufgebaut, ihre Mandolinengruppe musizierte, die Pastorin taufte die Frau im Krankenbett.

Sie könne verstehen, wenn Menschen den Zeitpunkt ihres Todes frei bestimmen wollten, sagt Schwester Julia mit Blick auf die Sterbehilfe-Diskussion. „Doch man nimmt sich und den Angehörigen viel, wenn man das Leben abschneidet.“ Auch Klaus Wittmaack bringt diesem Wunsch „Verständnis“ entgegen. Ihm entsprechen – indem er einem Patienten ein tödliches Medikament zur Verfügung stellt – würde er jedoch nicht. „Ich bin nicht der Erfüllungsgehilfe individueller  Wünsche. Ich bin meinem Gewissen verpflichtet“, sagt der Mediziner. Und  dass sich der Wunsch zu sterben „oft“ relativiere, wenn man alle medizinischen Möglichkeiten ausschöpfe.

„Die Sterbehilfe würde nicht derart diskutiert werden, wenn das Angebot an palliativer Versorgung dem  Bedarf entspräche“, ist Dr. Hermann Ewald überzeugt,  Vorstandsvorsitzender des Hospiz- und Palliativverbandes Schleswig-Holstein und ärztlicher Leiter des Katharinen  Hospiz in Flensburg. Kalkuliert werde mit einer Bedarfsgröße für Tumorpatienten von etwa 50 Betten pro eine Million Einwohner. „Bei 2,8 Millionen Schleswig-Holsteinern entspricht das 140 Betten. Zählt man die Menschen ohne Tumorerkrankungen dazu, die ebenfalls eine Palliativversorgung benötigen, kann man von einem Bedarf von 250 oder mehr Betten ausgehen.“

Leben bis zum Lebensende möglich zu machen – dieses Ziel müsse für alle unheilbar Kranken erreicht werden,sagt Ewald. Auch er mache die Erfahrung, dass sich die Einschätzung der Lebensqualität oft wandle. „Am Beginn ihrer Erkrankung ist für viele Menschen nicht vorstellbar, dass ihr Leben in einem späteren Stadium überhaupt noch lebenswert ist. Doch wenn es so weit ist, entdecken sie, dass es auch im Sterben noch Lebensfreude gibt.“

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