"Schlecker"-Räuber : "Ich versuchte immer, ruhig und freundlich zu sein"

Er wollte ein höflicher Räuber sein. "Bitte bekommen Sie keinen Schreck", sagt er zu den Verkäuferinnen von "Schlecker"-Filialen. Dann zog er die Schreckschusspistole.

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09. Juli 2008, 12:16 Uhr

Ich versuchte immer, ruhig und freundlich zu sein", betont der schmächtige Mann am Dienstag vor dem Hamburger Landgericht. Von Juli 2006 bis Ende März 2008 dauerte sein Raubzug, der erst im nordrhein-westfälischen Bottrop endete, wo ihn die Polizei auf frischer Tat ertappte. "Ich bereue das sehr stark", sagt der Angeklagte über seine Taten. Gleich zu Prozessbeginn macht er reinen Tisch und gesteht zu den 53 vorgeworfenen Überfällen noch einen weiteren.
"Meine Situation erschien mir wie ein Kartenhaus, das jederzeit einzustürzen drohte", erklärt der Angeklagte sein Motiv. Bis 2002 arbeitet der Vater einer kleinen Tochter in einer Internetfirma, dann verlässt er das sinkende Schiff nach dem Zusammenbruch der "New Economy". Mit seiner Schwester, einer früheren Verlagsmanagerin, will er als selbstständiger Journalist beruflich wieder auf die Beine kommen. Doch gemeinsame Zeitschriften-Projekte bleiben erfolglos.
"Dann kam es zur Grenzüberschreitung"
Auf gut 3500 Euro belaufen sich die monatlichen Belastungen für einen riskanten Hausbau und andere Verpflichtungen. Aber alle Ressourcen sind aufgebraucht. Mit einem Schaubild macht der Angeklagte, der einen schwarzen Anzug trägt, dem Gericht die Misere deutlich. Dass seine Mutter mit ihren 800 Euro Rente aushelfen muss, empfindet er als „unanständig“. "Ich fühlte mich für die gesamte Misere als Hauptverantwortlicher", sagt er. Die Angst vor der Zwangsversteigerung der Immobilie und einer Privatinsolvenz bedrückt ihn. "Dann kam es zur Grenzüberschreitung."
Im Internet liest der bis dato unbescholtene Mann, dass "Schlecker"-Märkte überdurchschnittlich oft überfallen würden, das Unternehmen wenig Geld für Sicherheit ausgebe und meist nur eine Verkäuferin im Laden sei. Akribisch plant er jeden Überfall. Zwischen 300 und fast 5000 Euro liegt die Beute, nur vier Taten misslingen. Die Polizei setzt eine Sonderkommission "Perücke" ein, weil der Räuber sich immer mit einer falschen Haarpracht tarnt. Nach fast zwei Jahren haben die Fahnder Erfolg.
"Wie lange wollten Sie eigentlich noch weitermachen?", will der Richter wissen. Er habe stets die Hoffnung gehabt, beruflich wieder auf die Füße zu kommen, antwortet der 40-Jährige. Die Gedanken an das Risiko bei den Überfällen habe er beiseite geschoben. "Das ist für mich aus heutiger Sicht völlig unverständlich", meint der Räuber. Am zweiten Verhandlungstag wird das Gericht wahrscheinlich schon das Urteil über ihn verkünden.

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