Arbeit als Putzfrau : "Ich nenne es Ausbeutung"

Eine Klofrau wischt den Fußboden in einer öffentlichen Herrentoilette. Foto: Vario Images (Voriges Foto: dpa)
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Eine Klofrau wischt den Fußboden in einer öffentlichen Herrentoilette. Foto: Vario Images (Voriges Foto: dpa)

Seit der Einführung des Mindestlohns sollte es für die Gebäudereiniger bergauf gehen. Doch eine Putzfrau berichtet, unter welch unwürdigen Bedingungen sie arbeitet. Und mit welchen Tricks ihr Arbeitgeber den Mindestlohn untergräbt.

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03. August 2008, 06:42 Uhr

Kiel | Der Mindestlohn, das war das beste, was den Reinigungskräften passieren konnte. Sagt Anna Krüger*, Raumpflegerin. Noch mehr profitiert allerdings ihr Chef. Sagt Sezai Elmali von der zuständigen Industriegewerkschaft Bau in Schleswig-Holstein.
Wer nicht fertig wird, putzt in der Freizeit

"Die Arbeitgeber haben doppelt an der Lohnerhöhung verdient", sagt Elmali, "sie haben die Erhöhung an die Kunden weitergegeben, aber die Stundenzahl bei gleichem Arbeitsaufwand gekürzt." Das heißt: Wer nicht fertig wird, putzt in seiner Freizeit weiter. Unbezahlt. Anna Krügers Fall sei kein Einzelfall, sagt Elmali.

Der Druck auf Putzfrauen steigt, sie bezahlen nach Anna Krügers Aussage die Mehrarbeit nicht nur mit unvergüteten Überstunden, sondern auch mit ihrer Gesundheit. Gleichzeitig gingen Arbeitsplätze verloren. Krüger erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber, will ihren echten Namen jedoch nicht nennen. "Wenn herauskommt, wer ich bin, sitze ich sofort auf der Straße", sagt sie, lacht nervös.
Entsendegesetz wird nicht eingehalten

Seit einem Jahr gibt es im Gebäudereinigerhandwerk einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn. Im Westen liegt die niedrigste Lohnuntergrenze mittlerweile bei 8,15 Euro. Doch der Arbeitsalltag wird nicht besser. In Deutschland arbeiten viele der rund 850.000 Gebäudereiniger in den mehr als 16.000 Betrieben unter schwierigsten Bedingungen, erklärte die IG Bau jüngst in Berlin.

Diese Bedingungen kennt Anna Krüger, 52, nur zu gut. Sie ist seit knapp 30 Jahren im Reinigungsgewerbe, seit fünf Jahren in einem Traditions-Unternehmen mit Sitz in Schleswig-Holstein beschäftigt, mit rund 500 Mitarbeitern einer der größeren Arbeitgeber der Branche. Und einer der geizigsten, sagt Anna Krüger. "Früher hatten wir für ein Büro zwei Stunden Zeit." Heute gebe es nur noch Ärger. Krüger: "Das Entsendegesetz wird zum großen Teil nicht eingehalten. Ich nenne das Ausbeutung."
Reinigungsmittel auf eigene Rechnung kaufen

Die Ausbeutung beginne mit dem privaten Kauf von Reinigungsmitteln - auch Handschuhe erhalte keine Raumpflegerin - und ende bei vielen Überstunden, "die nicht bezahlt werden".

Krüger nennt ein Beispiel: Ein Kindergarten in der Mitte Schleswig-Holsteins. Die Gemeinde zahlt für 3,5 Stunden täglich eine Reinigungskraft, "gearbeitet werden durfte zuletzt aber nur noch 2,25 Stunden", sagt Krüger. "Das reicht nicht, um fertig zu werden." Die Frau putzt weiter, bis alles blitzt und blinkt.
Das sei verdeckte Schwarzarbeit

Es gebe Fälle, in denen Putzfrauen wissentlich mehr arbeiten, als sie sollten, sagt Krüger. Allerdings nicht immer: "Der Chef reduziert auch mal die Stundenzahl, ohne die Reinigungskraft zu informieren", so die 52-Jährige. "Da wird nach Vertrag gearbeitet, und einen Monat später kommt die Abrechnung und dann heißt es: Gab eine Kürzung." Ein paar hundert Euro gingen dabei flöten.

Auch Vorbereitungen zählten nicht. Anna Krüger: "Die Arbeitszeit beginnt ab dem Zeitpunkt, wo ich die Tür öffne. Ob ich vorher Eimer füllen muss - Pech." Und das in einer Branche, in der jede Minute zählt. Zwölf Minuten für das eine Büro, 13 Minuten für das nächste - alles im "Putzplan" geregelt. Und so häufen sich die unbezahlten Überstunden an. "Für mich ist das verdeckte Schwarzarbeit", sagt Anna Krüger.
Ausgewrungen wie Putzlappen

Die Putzfrauen werden ausgewrungen wie Putzlappen - und lassen es zu. Aus Unwissenheit über die eigenen Rechte. Aus Geldnot. Aus Loyalität, zum Beruf und zum Revier. "Mein Büro, meine Schule, meine Bank", sagt Anna Krüger. "So denken wir. Keine Reinigungskraft, die ihren Job gewissenhaft erledigt, sagt, sie schaffe dieses eine Büro nicht." Und der Chef gucke dabei zu.
"Wir beuten keine Kraft aus"

Schwere Vorwürfe, die der betroffene Arbeitgeber so nicht stehen lassen möchte. "Wir werden ständig geprüft, erst kürzlich wurde uns bescheinigt, dass wir ein Musterbetrieb sind. Kräfte, die Reinigungsmittel kaufen? "Kann ich mir nicht vorstellen." Keine Handschuhe? "Frauen, die Sanitäranlagen reinigen, erhalten natürlich welche." Mitarbeiterinnen, die ohne Bezahlung weiterputzen? "Mir nicht bekannt. Wir bereichern uns nicht an denen, wir beuten keine Kraft aus." Dagegen höre er täglich: "Das schaffe ich nicht", sagt er. "Dann muss man aber genau hinsehen. Einige machen zu viel. Die identifizieren sich mit dem Objekt, das stimmt, sie gehen mehrmals die Woche hin, auch wenn laut Vertrag nur einmal vorgesehen ist." Das sei nicht sein Problem. "Oder sie nutzen die Maschinen nicht, die wir zur Verfügung stellen, sondern feudeln lieber mit der Hand." Wer richtig sauber machen wolle, so der Geschäftsführer, "hat das in der vorgegebenen Zeit zu schaffen".
"Wir wollen unseren Lebensstandard halten"

Ein möglicher Gund für den Sparwillen, der einen Arbeitgeber bis in die rechtliche Grauzone bringen kann: Die Konkurrenz hat sich verschärft. Die Gebäudereinigerfirmen unterbieten einander. "Nach einer Ausschreibung stehen statt vier Frauen nur noch drei im Plan, bei derselben Arbeitszeit, demselben Arbeitsaufwand", erklärt Anna Krüger. So fallen Jobs weg.

Bei aller Unzufriedenheit - warum kündigt Anna Krüger nicht? "Ich bin auf das Geld angewiesen", sagt sie, "mein Mann und ich wollen unseren Lebensstandard halten." Und andere Arbeitgeber im Norden? "Da gibt es keine großen Unterschiede. Der letzte hat mich rausgemobbt." Immerhin: Reinigungsmittel kauft sie jetzt nicht mehr. Sie war an dem Punkt angelangt, als sie sich sagte: "Demnächst muss ich noch Geld mitbringen, damit ich hier arbeiten darf."

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