Welt-Aids-Tag : "Ich erzähle es niemandem mehr"

Am Donnerstag ist Welt-Aids-Tag. Foto: sh:z
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Am Donnerstag ist Welt-Aids-Tag. Foto: sh:z

Am Donnerstag ist Welt-Aids-Tag: Ein Kieler HIV-Infizierter berichtet, warum ihn seine Krankheit nicht mehr bedrückt - und warum er sie trotzdem verbirgt.

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05. Dezember 2011, 11:44 Uhr

Kiel | Er nimmt täglich sechs Tabletten. Und sagt: "Ich bin kein Aidskranker mehr." Für den Mann, der am Küchentisch einer kleinen Wohnung in Kiel Kaffee einschenkt, ein wichtiger Satz. Einer, mit dem sich leben lässt in "einer Gesellschaft, die diese Infektion nicht verzeiht". Sie habe mittlerweile begonnen zu verdrängen und fürchte sich doch. Milch dazu? Er bittet seinen Gast, sich den Kaffee schmecken zu lassen.
Marko Wiese (40, Name geändert) hat etliche Freunde an dem heimtückischen Virus sterben sehen. In den frühen 90er Jahren trug er sie zu Grabe. Unten am Bodensee, im Dreiländereck Deutschland-Österreich-Schweiz, wo Wiese eine Szenekneipe betrieb. "Schwulenhasser stürmten damals solche Begräbnisse, warfen dem Sarg Klopapier hinterher."
"Die Diskriminierung ist geblieben"
Damals bedeutete eine HIV-Infektion immer auch ein Todesurteil. Heute gibt es Medikamente, statistisch gesehen haben Patienten damit fast eine normale Lebenserwartung. "Doch die Diskriminierung ist geblieben", sagt Wiese. Er erzählt von einer Krankenschwester, die drohte, ihn von der Station zu werfen, weil er einen Blutstropfen am Arm hatte. In einer anderen Klinik wurde er auf einer Isolierstation untergebracht. Mit einem roten Warnschild an der Tür. "Es herrscht in weiten Teilen des Gesundheitswesen eine panische, fast pathologische Angst." Im Gegensatz dazu verhielten sich junge Menschen zu sorglos. "Aids ist denen scheißegal", weiß Marko Wiese aus seiner späteren Arbeit als Jugendbetreuer. "Da gibt es gar kein Bewusstsein für die Gefahr." Beide Ausprägungen des Umganges, hysterisch und gedankenlos, bezeichnet Wiese als "Geisterbilder" dieser Krankheit.
Bei ihm wurde Aids vor vier Jahren diagnostiziert. "Zu dieser Zeit war ich noch vier Wochen vom Tod entfernt, Aids im Vollbild", sagt Wiese. Er hatte das Kaposi-Sarkom, eine Krebserkrankung, die im Zusammenhang mit Aids auftritt. "Ich war deswegen bei einer Hautärztin acht Monate in Behandlung gewesen, die aber nicht erkannt hatte, worum es sich handelte. Auch meine Hausärztin hatte meine häufigen Lungenentzündungen und meine extreme Schwäche falsch gedeutet." Nach der Diagnose hätten sich beide Ärztinnen gegenseitig die Schuld zugeschoben und ihn "wegdelegiert".
"Die Experten hier in Kiel sind sehr gelassen, das tut gut"
Eine Chemotherapie gegen den Krebs und eine antiretrovirale Therapie gegen das HI-Virus retteten Marko Wiese das Leben. "Seit drei Jahren liegt meine Viruslast unter der Nachweisgrenze", sagt er. Wann und wo Wiese sich infiziert hat, weiß er nicht. Es quält ihn auch nicht, er will die Zeit nicht zurückdrehen, sondern sich der Zukunft zuwenden. Die Aids-Hilfe Kiel vermittelte ihm Kontakt zu Spezialisten, er selbst verfolgt Fachvorträge zu neusten Erkenntnissen der Aids- Forschung.
"Die Experten hier in Kiel sind sehr gelassen, das tut gut", sagt Wiese. "Und mittlerweile beschäftigt mich meine Diabetes-Erkrankung mehr als das Virus. Die Therapie ist ja kein Drama, die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen."
Schweigen über die Krankheit
Geheilt ist Marko Wiese nicht, doch er hat einen Beschluss gefasst: "Ich erzähle niemandem mehr, dass ich infiziert bin. Die Gesellschaft macht es einem sonst einfach zu schwer. Für sie ist Aids trotz aller Aufklärungsarbeit mit Schuldzuweisungen behaftet, Homo sexualität und Drogenkonsum."
Wissen auch seine Sexualpartner nicht von seiner Erkrankung? "Doch, natürlich", entgegnet Wiese. "Es ist so, dass ich sexuelle Kontakte nur zu Männern habe, die ebenfalls positiv sind. Sonst könnte ich das gar nicht unbekümmert genießen, mit der Angst, jemanden anzustecken."
Ist eine Virenlast unter der Nachweisgrenze Schutz genug? Diplom-Sozialpädagoge Björn Ould (35) von der Aids-Hilfe Kiel: "Die antiretrovirale Therapie ist geeignet, Paaren einen Kinderwunsch zu erfüllen, wenn ein Partner infiziert ist. Sex ist dann möglich, ohne dass eine Ansteckung erfolgt oder das Kind das Virus bekommt." Regelmäßiger, ungeschützter Sex sollte vermieden werden. "Wenn Patienten die Medikamente nicht korrekt einnehmen oder sich ihre Wirkung durch Erbrechen oder Durchfälle vermindert, steigt die Viruslast schnell wieder an. Es können sich dabei auch Resistenzen bilden. Möglich wäre dann eine Doppelinfektion mit dem resistenten Stamm. Es gibt also bislang keine Alternative zum Safer Sex."

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