Zeitzeugen : "Ich bin ein 68er - und stolz darauf"

'High sein,  frei sein, Terror muss dabei sein', lautete eine Studenten-Losung  in den späten 60er Jahren - offenbar auch im Allgemeinen Studentenausschuss  (AStA) der Uni Kiel. Für zwei Kieler Professorensöhne, die mit den Ausläufern der 68er-Bewegung  ins Umfeld der RAF gerieten, endete das tödlich.
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"High sein, frei sein, Terror muss dabei sein", lautete eine Studenten-Losung in den späten 60er Jahren - offenbar auch im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) der Uni Kiel. Für zwei Kieler Professorensöhne, die mit den Ausläufern der 68er-Bewegung ins Umfeld der RAF gerieten, endete das tödlich.

"High sein, frei sein, Terror muss dabei sein", lautete eine Studenten-Losung in den späten 60er Jahren. Kieler Historiker beleuchten, wie die Gesellschaft sich veränderte.

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06. Januar 2009, 11:30 Uhr

Kiel | Ja, er kann sich erinnern. Und er will sich erinnern - auch wenn es weh tut. Der pensionierte Professor für Osteuropäische Geschichte an der Uni Kiel, Uwe Liszkowski, sitzt im einfachen Büro und beantwortet geduldig die Fragen der Geschichtsstudenten, die wissen wollen, wie es damals war. Damals an der Uni Kiel, vor 40 Jahren, als das Land von der Studentenrevolte geprägt war, damals, 1968. Liszkowski erzählt geduldig, manchmal freudig, wenn die Fragen ihn in die Erinnerung zurücktreiben.

Doch auf einmal muss der gestandene Professor schlucken und sich die Augen reiben. Die simple Frage nach seiner Promotion und seinem Doktorvater, dem Professor für Osteuropäische Geschichte an der Uni Kiel, Georg von Rauch, treiben ihm die Tränen in die Augen. Und in Gedanken ist er wieder im Jahr 1971 und sitzt als Prüfling vor dem Mann, der nur zehn Tage zuvor seinen Sohn verloren hat: Der Anarchist und vermeintliche Sympathisant der Roten Armee Fraktion (RAF), Georg von Rauch junior, erschossen von einem Polizisten in Berlin-Schöneberg unter mysteriösen Umständen. Liszkowski sagt: "Die Ermordung seines Sohnes hat ihn unglaublich mitgenommen - und dennoch hat er mich wie selbstverständlich geprüft, mitten in seiner Trauer."
Professor plant Ausstellung im Kieler Stadtmuseum

Plötzlich ist die Geschichte der Studentenbewegung und ihrer Ausläufer lebendig geworden. Genau das wollen die Studenten rund um Geschichtsprofessor Christoph Cornelißen erreichen. "Die Zeit von 1968 außerhalb der Metropolen Frankfurt und Berlin ist noch viel zu wenig erforscht. Dabei ist gerade spannend, wie stark die Bewegung in der Provinz war und wie sie etwa die Gesellschaft in Schleswig-Holstein verändert hat", sagt Cornelißen. Der Professor plant eine Ausstellung in diesem Frühjahr im Kieler Stadtmuseum. Dafür sammeln seine Studenten Transparente, Ausstellungsstücke. Und befragen Zeitzeugen wie Uwe Liszkowski.

Der heute 65-Jährige erzählt, wie er als Student 1966 nach Kiel kam. "Man duzte sich unter Studenten und wohnte auf Zimmer bei einer Wirtin. Wohngemeinschaften gab es erst später. Ich hatte eine mit einem Freund, da hat die Wirtin nach Partys immer kontrolliert, ob noch alle Wasserhähne da sind", sagt er. "Wir haben demonstriert, vor allem gegen die drohende Bildungskatastrophe - wie wir das damals nannten." Später habe es dann auch größere Protestveranstaltungen etwa nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg oder dem Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin gegeben. "Nach solchen Ereignissen hatten die radikaleren Studenten mehr Rückhalt. Die Unterstützung von Arbeitern etwa von HDW hatten sie allerdings nie lange. Und so flaute die Bewegung schnell wieder ab", sagt Liszkowski.
"Und was bleibt nun von 1968?"

Die Besetzung von Instituten an der Universität, die Proteste bei Auftritten des damaligen CDU-Bundesministers Gerhard Stoltenberg - all das schildert Liszkowski auch ein wenig nostalgisch. "Die Demonstrationen in Kiel waren manchmal nicht weniger vehement als in den Metropolen Berlin und Frankfurt", sagt Projektleiter Cornelißen. Auch die "düstere Endstufe der Bewegung" im Linksterrorismus verschweigt er nicht. Neben Georg von Rauch wurde ein weiterer Professorensohn aus Kiel bei einem Polizeieinsatz erschossen: Thomas Weißbecker starb drei Monate nach seinem Freund durch die Kugel aus einer Polizeiwaffe. Uwe Liszkowski war stets gegen Gewalt, aber er sagt auch, dass der Staat auf die 68er-Bewegung vielfach überreagiert habe.

"Und was bleibt nun von 1968?" will Studentin Erika Weiß von "ihrem" Zeitzeugen wissen. Nicht alles habe sich geändert, sagt Liszkowski, vor allem nicht der Umgang mit den Autoritäten der Kieler Uni, zu denen Liszkowski irgendwann selbst gehörte. Als er mit dem Studium begann, habe man den Dekan der Fakultät immer mit "Spectabilität" anreden müssen. "Als ich 1978 als Professor meine Probevorlesung hielt, war das immer noch so", sagt Liszkowski. "Für mich ist aber eine der wichtigsten Errungenschaften von 1968 der freiere Umgang der Menschen miteinander und der Aufbruch der konservativ-bürgerlichen Lebenswelt der 50er- und frühen 60er-Jahre." So fällt Liszkowskis Fazit auch klar aus: "Ja, wenn man 1968 mit diesen Errungenschaften verbindet, dann bin ich auch ein 68er. Und ich bin stolz darauf."

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