Gefangene bilden Blindenhunde aus : "Hundebande": Bedingungslose Tier-Liebe hinter Gittern

Die Strafgefangenen Melanie und Kerstien (l.) bilden die Labradorhunde Ronja und Rose im Frauen-Gefängnis Hahnöfersand aus. Foto: dpa
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Die Strafgefangenen Melanie und Kerstien (l.) bilden die Labradorhunde Ronja und Rose im Frauen-Gefängnis Hahnöfersand aus. Foto: dpa

Sechs Frauen, drei Hunde und ein einzigartiges Projekt: Im Frauen-Gefängnis Hahnöfersand werden Welpen zu Blindenführhunden ausgebildet.

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30. Juni 2011, 09:23 Uhr

Die Sonne scheint warm vom fast wolkenlosen Himmel. Auf dem kleinen Rasenstück tollt die 30-jährige Melanie ausgelassen mit Labrador Ronja herum, wirft einen Ball und lässt den Hund hinterherjagen. Eine ganz normale junge Frau spielt mit ihrem Hund - wären da nicht der mächtige Zaun mit Stacheldraht und die vergitterten Fenster wenige Meter weiter. Melanie ist Gefangene in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hahnöfersand. Normalerweise sind Hunde hier verboten - doch seit neun Monaten ist die JVA auch Ronjas Zuhause.
Die Labradorhunde Ronja und Rose und der Königspudel Cleo werden hier zu Blindenführhunden ausgebildet. Sechs Frauen haben die Aufgabe mit Hilfe einer Führhundetrainerin übernommen. Neun Monate dauert die erste Ausbildungsphase, danach werden die Tiere in einer Führhundeschule gezielt auf ihre spätere Aufgabe vorbereitet.
Zehn Quadratmeter für Frauchen und Hunde
Sozialpädagogin Manuela Maurer hat ein ähnliches Projekt in den USA kennengelernt, es auf deutsche Verhältnisse zugeschnitten und alle Beteiligten zusammengebracht. "Bei dem Projekt gewinnen alle Seiten", sagt sie über die "Hundebande", so der Name des Projekts. Im Juli endet die Pilotphase. Damit auch danach Hunde in der JVA auf der Insel in der Elbe ausgebildet werden können, brauchen die Verantwortlichen vor allem Spenden und finanzielle Unterstützung.
Ronja und Cleo schlafen mit Melanie auf knapp zehn Quadratmetern. Sie bewohnt die Zelle direkt an der Tür, damit die Hunde nachts schnell herausgelassen werden können. Auf dem PVC-Boden des kargen Flurs steht ein Hundekörbchen. In Melanies Zelle steht neben der Tür ein metallener Napf, an ihrem Schrank hängt ein Hundebild. "Es ist zwar manchmal sehr eng, aber das ist in Ordnung", sagt sie. Mit den Tieren teilen die Frauen ihren begrenzten Platz gerne. "Man hat mit dem Hund immer einen Gesprächspartner", sagt Melanie.
Positive Wirkung auf die Frauen
Aus dem dunklen und nüchternen Gefängnisflur geht es durch eine vergitterte Tür hinaus in die Sonne. Die Frauen führen die Hunde an der Leine. Nach der ersten Zigarette beginnt das Training. "Sitz, Rose", befiehlt Kerstien. "Und jetzt bleib." Die junge Frau achtet genau darauf, dass der Hund gehorcht, während sie sich langsam entfernt. Auf dem kleinen eingezäunten Areal vor dem roten Backsteingebäude riecht es nach frisch gemähtem Gras. Ab und zu ist das Geräusch eines vorbeifliegenden Flugzeuges zu hören. Die JVA Hahnöfersand liegt auf einer Insel in der Elbe, mitten im Grünen vor dem Alten Land.
Bei den Mitarbeitern im Gefängnis stößt das Projekt auf breite Zustimmung, auch wenn einige zu Beginn skeptisch waren. "Der Großteil ist sehr dafür, weil sie merken, wie positiv es sich auf die Frauen auswirkt", sagt Anstaltsleiterin Rosemarie Höner-Wysk. Die meisten Mitarbeiter haben die drei kleinen Hunde genauso schnell ins Herz geschlossen wie die Gefangenen. "Ein Beamter war total dagegen, aber drei bis vier Wochen später hat er selbst mit dem Hund gespielt", erzählt Hunde-Patin Kerstien.
Mit der Erzfeindin geheult
Die Tiere ändern vieles im Gefängnis: Für die Frauen selbst, aber auch für das Zusammenleben und den Alltag in der JVA. "Sie hat uns zusammengebracht", sagt die 23 Jahre alte Yvonne über Labrador Ronja, den sie gemeinsam mit ihrer Erzfeindin betreuen sollte. "Man hat wirklich andere Seiten von seinen Mitgefangenen kennengelernt. Als Ronja eine Lungenentzündung bekam, haben wir zusammen geheult."
Die Gefangenen können der Gesellschaft mit dem Projekt ein Stück weit etwas zurückgeben, etwas "wieder gut machen." "Sie übernehmen Verantwortung, entwickeln Einfühlungsvermögen und bauen emotionale Bindungen auf", sagt Manuela Maurer. Auch das Selbstwertgefühl der Gefangenen werde gestärkt. "Die Frauen haben Verantwortung, Zuverlässigkeit und Kontinuität gelernt, also ganz elementare Sachen", sagt Rosemarie Höner-Wysk. "Sie merken, sie können Klippen umschiffen und gewinnen Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit."
Hund fragt nicht nach dem Lebenslauf
Die Hunde akzeptieren ihre Patinnen bedingungslos. "Die Frauen profitieren von der Liebe der Tiere. Der Hund fragt nicht nach, wie ihr Lebenslauf war", sagt Führhundetrainerin Nadja Steffen, die das Projekt betreut. Zwischen den Tieren und den Gefangenen ist im Laufe der Zeit eine enge Bindung entstanden. Das Wohl der Tiere steht dabei immer an erster Stelle.
Es gab aber auch Krisen. Zum Beispiel als Rose die Lebensmittelvorräte unter Kerstiens Bett entdeckte und alles auffraß. "Nachts hatte ich dann die Schweinerei dazu", erzählt die zierliche blonde Frau. "Du kommst in deine Zelle und alles ist ruiniert. Da habe ich dann auch geweint." Aber die anderen Gefangenen unterstützten sie, halfen beim Putzen. Das schweißt zusammen.
Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung brauchen die Frauen auch, wenn im Juli der Abschied von den Hunden bevorsteht. "Die Trennung wird ganz bitter", sagt Rosemarie Höner-Wysk. Aber auch das gehört für die Frauen dazu: Lernen, Abschied zu nehmen.
(dpa, shz)

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